Russland
Wertvoller Puffer

Russland ist reich und stabil. Die politische Führung im Kreml und im Weißen Haus an der Moskwa hat zwar große Aktivität entfaltet, um der darbenden Wirtschaft wieder Liquidität zu beschaffen.

Aber nach außen gibt sie sich selbstbewusst: keine Krise, alle Probleme im Griff. Das zeigt auch der Milliardenkredit, der dem gebeutelten Island aus der Finanzpatsche helfen soll. Wer kann das heute sonst noch?

Doch selbst für den glühendsten Russland-Optimisten kann inzwischen kein Zweifel mehr bestehen: Die globale Finanzkrise ist auch im mächtigen Rohstoffreich angekommen. Zu sehen ist dies nicht nur an der gewaltigen Vernichtung des Börsenwerts russischer Konzerne. Oligarchen wie Staatsunternehmen stehen beim Staat um Darlehen an, die sie brauchen, um ihre Verbindlichkeiten im Ausland zu begleichen. Der mächtige Oleg Deripaska, von Forbes in diesem Jahr noch zum reichsten Mann des Landes gekürt, muss sich nach und nach von Beteiligungen trennen. Er hat seinen rasanten Aufstieg wohl zu sehr auf Pump finanziert.

Die fallenden Rohstoffpreise tun ihr Übriges, um die Stimmung zu dämpfen. Sinkt die Weltwirtschaft in eine Rezession, braucht sie auch weniger von den Zutaten, die in den vergangenen Jahren für hohes Wachstum gesorgt haben. Russlands Wirtschaft muss sich nach den Boomjahren auf eine Landung einstellen. Fraglich ist nur noch, wie hart sie ausfällt.

Noch verdient das Land täglich fast eine Milliarde Dollar aus dem Ölexport. Die Finanzreserven des Staates sind so groß, dass er die gewaltigen Ausgaben zur Stabilisierung von Banken und Unternehmen bisher stemmen konnte, ohne sich zu verschulden. Und nebenher hat er noch etwas für einen Kleinstaat in der Klemme übrig. Doch selbst hohe Regierungsbeamte glauben kaum mehr, dass die Krise schnell ausgestanden ist.

Russlands Finanzminister Alexej Kudrin, der inzwischen Mittel aus dem Stabilisierungsfonds, in dem Russland seine Petrodollar für schlechte Zeiten hortet, lockermachen muss, bemühte jüngst gar einen biblischen Vergleich: So wie Joseph dem Pharao einst sieben gute und sieben dürre Jahre prophezeite, könne er dies jetzt auch. Der Finanzminister, der für einen russischen Politiker eine ungewöhnlich offene Art pflegt, sagt klar: Die fetten Jahre sind vorbei.

So viel Ehrlichkeit ist in Russland selten. Die staatlichen Medien lenken den Blick lieber auf die Probleme im Westen, als die eigenen zu thematisieren. Worte wie "Kollaps" oder "Krise" fallen in Bezug auf die eigene Wirtschaft nicht - eine Mischung aus Selbstzensur und Druck von oben. Nach der Katastrophe im Jahr 1998, als der russische Staat faktisch pleite war, will die russische Führung um jeden Preis Unruhe in der breiten Bevölkerung vermeiden.

Die gewaltigen Einnahmen aus den Rohstoffexporten der vergangenen Jahre geben ihr dafür einen wertvollen Puffer. Dass die Bevölkerung Meinungsumfragen zufolge mehrheitlich noch glaubt, nicht von den Turbulenzen auf den globalen Finanzmärkten betroffen zu sein, ist nicht nur eine Folge der gelenkten Berichterstattung. Anders als in Ländern wie Kasachstan ist der Anteil des Finanzsektors am Bruttoinlandsprodukt klein. Viele Russen haben nicht einmal ein Konto, geschweige denn Aktien. Die globalen Turbulenzen schlagen daher mit zeitlicher Verzögerung durch.

Schon jetzt hat die Vertrauenskrise auf dem Finanzmarkt Teile der Wirtschaft erreicht: Immobilien, Einzelhandel, Banken oder die Metallindustrie. Überall ist nicht mehr von Expansion, sondern von Konsolidierung die Rede. Da außer dem Staat, der jetzt auch noch Aktien aufkaufen will, niemand mehr Geld verleiht, wird es für eine Reihe von Firmen eng. Vor allem für jene, die keine guten Drähte zur "Macht" haben.

Viele Berater reiben sich schon die Hände. Kosten senken, mehr Effizienz, Übernahmen: Die Krise wird das Antlitz der russischen Wirtschaft ändern, manche hoffen gar zum Besseren, Professionelleren. So gibt es auch noch im Jahr 2008 große russische Konzerne, die Unternehmen kaufen, ohne vorher in die Bücher geschaut zu haben. Was sind schon Risiken? Die Zeiten für einen solchen Hochmut sollten nun vorbei sein. Weniger heiße Luft kann Russland nicht schaden.

Derzeit sieht es zwar so aus, als müsse Russland "nur" eine dicke Delle im Wachstum verkraften. Doch was passiert, wenn die Bürger feststellen, dass ihre Einkommen nicht mehr so schnell steigen, Entlassungen drohen und die mit großer Sorge beäugte Inflation wegen der steigenden staatlichen Ausgaben zur Krisenbewältigung klettert? Um ein nachhaltiges Wachstum zu sichern, muss die politische Führung jetzt handeln und die mühevollen Reformen anpacken, die sie in den fetten Jahren hat schleifen lassen. So könnte sie auch das verlorene Vertrauen ausländischer Investoren wiedergewinnen. Mit Russlands Reichtum kann sie sich dafür Zeit kaufen. Allzu viel jedoch nicht.

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