RWE
Zu viele Köche

Wenn sich am kommenden Mittwoch der Aufsichtsrat von RWE trifft, ist für reichlich Spannung gesorgt.

Es geht um die wichtigste Personalie überhaupt: die Zukunft von Vorstandschef Harry Roels und die künftige Besetzung des Chefsessels. Objektiv spricht wenig gegen eine Vertragsverlängerung für den Niederländer.

RWE freilich hat seine eigenen Gesetze. In Anbetracht der speziellen Machtverhältnisse im Konzern, bei dem sich mit der Kapitalseite, den Arbeitnehmern und den kommunalen Aktionären gleich drei Interessengruppen gegenüberstehen, bleibt die Entscheidung bis zuletzt spannend.

Der Vertrag des Niederländers läuft zwar erst Anfang 2008 aus. Am kommenden Mittwoch soll aber bereits eine Vorentscheidung fallen. Angesichts der anhaltenden Spekulationen wäre – zwei Tage vor der Bilanzpressekonferenz – alles andere auch fahrlässig.

In jedem anderen Unternehmen wäre eine Vertragsverlängerung vermutlich nur eine Formalie. Roels hat in seiner Amtszeit RWE in Form gebracht. Er hat den großen Schuldenberg, den sein Vorgänger Dietmar Kuhnt mit milliardenschweren Zukäufen angehäuft hatte, wieder abgebaut. Er hat das überflüssige Entsorgungsgeschäft abgespaltet und den Ausstieg aus dem ertragsschwachen Wassergeschäft eingeleitet. Im Kerngeschäft mit Strom und Gas sprudeln die Gewinne. Der Aktienkurs hat sich mehr als vervierfacht. Und auch die Dividende ist stetig gestiegen.

Trotzdem ist es Roels nicht gelungen, für Ruhe im Konzern zu sorgen. Viele der einflussreichen Kommunen, die mit rund 30 Prozent noch immer die meisten Anteile halten, haben den Ausstieg aus dem Entsorgungs- und Wassergeschäft nur halbherzig mitgetragen, weil die Sparten nach ihrem Verständnis zu den Kernkompetenzen eines Versorgers gehören. Im Gegenzug werfen sie Roels vor, den Konzern nur klein zu sparen und keine Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Während Wulf Bernotat, Chef des Erzrivalen Eon, die spektakuläre Übernahme des spanischen Versorgers Endesa im Visier hat, agiert Roels in den Augen seiner Kritiker zu vorsichtig. Zumal RWE angesichts des hohen Verkaufserlöses für die Wassertochter Thames Water inzwischen auf einer solch prall gefüllten Kasse sitzt, dass das Unternehmen selbst als Übernahmeobjekt gehandelt wird. Arbeitnehmervertretern wiederum kolportieren, Roels plane schon den nächsten Konzernumbau: Danach wolle er den Vertrieb umstrukturieren und prüfe gar einen Verkauf des Übertragungsnetzes.

Immer wieder haben die Machtverhältnisse im RWE-Konzern dem ehemaligen Shell-Manager das Leben schwer gemacht, sind bei wichtigen Entscheidungen im Aufsichtsrat halbgare Kompromisse herausgekommen. Als Roels kurz nach seinem Amtsantritt dem Konzern eine neue Struktur verpasste, musste er Rücksicht auf die Standortinteressen der beteiligten Kommunen nehmen.

Vor zwei Jahren brachte er seinen Wunschkandidaten für den Chefposten der wichtigen Vertriebstochter RWE Energy nicht durch, und wenig später rangelten die konkurrierenden Gewerkschaften Verdi und IG BCE lange um die Bestellung von Personalvorständen im Konzern und bei Tochterunternehmen.

Im Hintergrund schwingt am Mittwoch deshalb eine noch wichtigere, weil strategische Frage mit: Inwieweit ist der Aufsichtsrat des Essener Energiekonzerns überhaupt in der Lage, eine zukunftsfähige Lösung zu finden? Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, WestLB-Chef Thomas Fischer, wird in den kommenden zwei Tagen noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um die unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen. Fischer muss dabei einen schwierigen Spagat hinbekommen. Er muss eine Lösung finden, die alle Interessengruppen zufrieden stellt – und gleichzeitig Roels die Möglichkeit gibt, das Gesicht zu wahren. Eine Ablösung des Niederländers wäre angesichts der glänzenden Konzernbilanz jedenfalls nicht zu vermitteln. Andererseits ist der Aufsichtsratschef an einer nachhaltigen Klärung der Top-Personalie interessiert.

Ein guter Kompromiss wäre eine verkürzte zweite Amtszeit für Roels von einem oder zwei Jahren. Der Vorstandschef wird im kommenden Jahr immerhin schon 60 Jahre alt. Gleichzeitig könnte Fischer schon die Weichen für die Suche nach einem Nachfolger an der Konzernspitze stellen.

Es gäbe freilich noch eine einfachere Lösung: Roels nimmt selber nach nur einer Amtszeit den Hut. Das ist zwar unwahrscheinlich. In In Anbetracht der Widerstände und Intrigen, mit denen der erfolgreiche Vorstandschef seit seinem Dienstbeginn im Ruhrgebiet zu kämpfen hat, wäre ein solcher Schritt aber durchaus nachzuvollziehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%