Saddam Hussein
Für die Geschichte

Einst sollte der Prozess gegen Saddam Hussein wie eine Katharsis wirken. Er sollte dem in seiner Geschichte so arg geschundenen Volk des Iraks die Chance geben, zumindest einen Teil seiner Katastrophen öffentlich aufarbeiten zu können.

Doch jetzt, wo das Todesurteil im ersten Prozess gesprochen ist, mag man beinahe mit den Achseln zucken. Denn im Angesicht der Gewaltwelle nimmt sich der Saddam-Prozess nur wie ein unbedeutender Nebenschauplatz aus. Das eigentliche Ziel, die Selbstreinigung, ist vom alltäglichen Chaos überlagert.

Zeugen sagten nicht aus, weil sie sich um ihr Leben sorgten. Anwälte wurden umgebracht, weil sie sich am Prozess beteiligten. Wer öffentlich das Verfahren beobachten wollte, musste zuerst die nahezu unüberwindlichen Hürden in die „Grüne Zone“ Bagdads nehmen. Unter diesen Umständen musste das Verfahren Stückwerk bleiben – und kann leicht als Farce abgetan werden. Doch die ist es nicht. Denn kurzfristig bleiben zumindest die Bilder. Bilder von einem Diktator, der sich vor einem Gericht für seine Taten verantworten muss. Das ist immer noch unerhört für ein Land, das über Jahrzehnte nur Willkürjustiz erlebt hat. Saddam, der sich mit seinem aberwitzigen Personenkult gottgleich gemacht hatte, schrumpfte vor Gericht auf ein Normalmaß zurück. Alleine schon diese Erkenntnis war den Prozess wert.

Und das Verfahren muss noch einen Schritt weiter gehen. Nach den Schiiten müssen nun auch die Kurden die Chance haben, wenigsten ein Verbrechen an ihnen justiziabel aufrollen zu lassen. An der Gewalt im Land mag dies alles nichts ändern, aber später einmal an der historischen Betrachtung dieser Zeit. Es besteht deshalb keinerlei Eile, Saddam zum Tode zu befördern. Wenn überhaupt.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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