Sarkozys Wahlkampf
Frankreichs Wählern geht es um Arbeitsplätze und Kaufkraft

Nach dem Tod des Terroristen Merah will sich Nicholas Sarkozy im Wahlkampf als Supercop profilieren. Für die Mehrheit der Wähler geht es aber nicht um das Thema innere Sicherheit.
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ParisBei diesem Mann ist Druck auf dem Kessel: Keine zwei Stunden nachdem eine Sondereinheit der französischen Polizei den jungen Terroristen Mohammed Merah erschossen hatte, platzte aus Staatspräsident Nicolas Sarkozy ein Schwall neuer Gesetzesvorhaben heraus.

Sarkozy hat darauf gewartet, bei diesem Thema in die Vollen gehen zu können. Er spult seine ganze Rhetorik von innerer Sicherheit und illegaler Einwanderung ab. Ihn hält jetzt nichts mehr zurück, denn er sieht die Chance, der rechtsradikalen Front National Stimmen abzujagen und den Sozialisten Hollande als Schlappschwanz dastehen zu lassen. Sarkozy ist völlig vom Jagdinstinkt gesteuert - und läuft Gefahr, so die Wahl zu verlieren.

Die Rolle als Supercop ist dem früheren Innenminister auf den Leib geschrieben. „Mit dem Hochdruckreiniger“ wollte er die von Kriminalität geplagten Stadtviertel reinigen. Die Wähler halten ihn bei diesem Thema für viel kompetenter als den freundlichen Herausforderer François Hollande, der in den vergangenen Tagen wie ein Statist wirkte neben dem kraftvollen Staatspräsidenten. Sarkozy tröstete die Angehörigen der Opfer, sprach vor den Kameraden der getöteten Fallschirmjäger und stellte sich vor die harten Jungs der Polizei, als sei berechtigte Kritik am Einsatz bereits ein Akt des Hochverrats.

Sarkozy steht viel besser da als noch vor einer Woche und hat jetzt die Chance, mit einem leichten Vorsprung vor Hollande aus dem ersten Wahlgang hervorzugehen. So hofft er, genügend Schwung für die Stichwahl zu bekommen, bei der es allen Umfragen nach immer noch schlecht aussieht für ihn. Doch wieder einmal ist er sich selbst der ärgste Feind. Seine weit nach rechts abdriftende Kampagne läuft in eine Sackgasse. Von den krassen Fehlern bei der Ermittlung, die den Innenminister eigentlich sein Amt kosten müssten, einmal abgesehen: Für die erdrückende Mehrheit der Wähler geht es nicht um das Thema innere Sicherheit, sondern um Arbeitsplätze und Kaufkraft.

80 Prozent der Franzosen wollen wissen, wie ihre Jobs gesichert werden können und Jugendliche eine Chance auf Teilnahme am Arbeitsleben erhalten. Und fast ebenso viele machen sich Sorgen wegen der hohen Staatsschulden, wollen nicht, dass ihr Land noch länger auf Pump lebt. Starke Sprüche über Gefängnisstrafen für Leute, die im Internet auf Terrorseiten surfen, gehen völlig an diesen Wählern vorbei.

Sarkozy hatte Hollande anfangs mit eigenen Vorschlägen für mehr Wettbewerbsfähigkeit der französischen Wirtschaft angegriffen. Mittlerweile spricht er nicht mehr darüber. Instinktiv weicht er dem Thema aus, weil er Angst hat, auf seine schlechte Bilanz angesprochen zu werden. Ob Arbeitslose, Schulden oder sterbende Industrien: Der Staatspräsident hat neue Rekorde aufgestellt. Die Franzosen vergessen das nicht, weil er es verschweigt. Für sich gewinnen kann er sie nur, wenn er mit besseren Vorschlägen als Hollande aufwartet.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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