Saudi-Arabien
Im Zangengriff

Seit Monaten muss Saudi-Arabien außenpolitische Rückschläge einstecken. Selbst aus den USA hört Riad Unerfreuliches. So droht der republikanische Präsidentschaftsbewerber Tom Tancredo gar mit einem Angriff auf die heiligen islamischen Stätten im Königreich, sollte es zu einer nuklearen Terrorattacke gegen die USA kommen.
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Sicher, dies ist kaum mehr als hohler Populismus. Es ändert aber nichts an den Problemen, mit denen das Land konfrontiert wird und die es trotz seiner finanziellen und militärischen Potenz nicht allein meistern kann. So vermag Saudi-Arabien den enger werdenden Schiitengürtel, der das Königreich umklammert, nicht zu sprengen. Vor allem kann im Osten die atomare Aufrüstung Irans nicht aufgehalten werden. Aber selbst ohne die Bombe stellt die Islamische Republik eine Bedrohung dar. Denn auch im Norden Saudi-Arabiens wird Irans Einfluss weiter wachsen, sollten die Schiiten im Irak den dortigen Machtkampf für sich entscheiden. Dem Aufstieg Irans zur regionalen Macht können die Saudis jedenfalls nichts Gewichtiges entgegensetzen. Zwar bemühten sich Riads Diplomaten im Februar um eine Versöhnung der verfeindeten palästinensischen Parteien, um zumindest Teherans Einfluss auf die Hamas eindämmen zu können. Doch das Resultat war alles andere als positiv. Denn im Juni putschte die Hamas gegen Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas und beherrscht seitdem den Gazastreifen. Dass dieser Coup von Iran befürwortet wurde, gilt als sicher. Iran hat nun am Mittelmeer zwei Stellvertreter-Armeen stehen: die Hisbollah im Libanon und die Hamas im Gazastreifen.

Der zunehmende Einfluss der Schiiten erhöht auch im Inneren Saudi-Arabiens die Spannung. Denn in den strategisch wichtigen Ostprovinzen des Königreichs besteht die Bevölkerung zu rund 30 Prozent aus Schiiten. Diese können das Regime zwar nicht stürzen, aber um ihre Loyalität muss das Herrscherhaus stets zittern. Schließlich bestehen die einflussreichen wahhabitischen Religionsführer darauf, dass die saudische Identität zwei Komponenten enthalten müsse: wahhabitischen Islam und Loyalität zur Königsfamilie. Dadurch fühlen sich die Schiiten isoliert. Dabei gilt es zu berücksichtigen: In den Ostprovinzen liegen die weltweit größten Ölfelder Ghawar und Katif. Und in der dortigen Ölindustrie stellen die Schiiten 40 bis 60 Prozent der Arbeitskräfte. Zudem: Aus dieser Region stammen 90 bis 95 Prozent der saudischen Staatseinnahmen.

Das Risiko ist also evident: Erschütterungen in der Nachbarschaft können sich im Osten der Halbinsel fortsetzen. Immerhin grenzt Saudi-Arabiens Schiiten-Region mit Bahrain, dem Irak und Iran gleich an drei Staaten mit schiitischen Mehrheiten. Und ausgerechnet in einer solchen prekären Situation ist es auch mit Blick auf das Verhältnis zu den USA, Riads engstem Verbündeten, nicht gerade zum Besten bestellt. Noch immer haftet den Saudis in Amerika der Ruf an, Terroristen der El Kaida zu unterstützen. Washington wirft Riad aber nicht nur vor, gegenüber dem militanten Islam zu tolerant zu sein oder ihn gar zu fördern. Die US-Regierung behauptet auch, Saudi-Arabien arbeite im Irak gegen die Amerikaner. Saudische Aktivisten würden im Irak den Kampf gegen die Schiiten direkt unterstützen. Bei jedem zweiten ausländischen Rebellen, der im Irak gefangen wird, soll es sich um einen saudi-arabischen Bürger handeln, heißt es in Washington.

Das Regime in Riad wehrt sich gegen solche Kritik mit dem Argument, dass man alles unternehme, um die Grenze zum Irak zu sichern. Das Problem liege vielmehr auf der anderen Seite der Grenze: Terroristen aus dem Irak würden Saudi-Arabien infiltrieren, meint der saudische Außenminister Prinz Saud el Faisal. Um die Beziehungen zwischen den beiden Verbündeten nicht noch stärker zu strapazieren, hat die US-Regierung Riad nun massive Rüstungslieferungen zugesagt. Die Art und Weise, wie bei der Ankündigung dieses Waffenhandels die Medien eingespannt worden seien, zeige, wie dringend die Amerikaner die Atmosphäre zwischen den beiden Staaten verbessern wollten, meint der saudische Analyst Abdel Al Toraifi. Trotz aller Differenzen gibt es im Nahen Osten zumindest in einem Punkt gemeinsame Interessen: Die für November vorgesehenen israelisch-palästinensischen Verhandlungen sollen den Friedensprozess wieder in Gang bringen. Und sowohl der amerikanische Präsident George W. Bush als auch Saudi-Arabiens König Abdullah benötigen dringend einen Erfolg. Denn beide wissen nur zu gut: Ohne eine Lösung des palästinensisch-israelischen Konflikts droht auch in den anderen nahöstlichen Krisenherden eine Eskalation.

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