Schießbefehl
Schwarz auf weiß

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Niemand mit halbwegs ungetrübtem Blick konnte an dem mörderischen Charakter des DDR-Regimes zweifeln. Auch nicht daran, dass an der Mauer Menschen auf Geheiß der Regierung und nicht etwa auf eigene Faust erschossen wurden. Die Versuche ehemaliger DDR-Funktionäre, die Existenz eines offiziellen Schießbefehls abzustreiten, hatten daher nie Anspruch auf auch nur einen Hauch von Glaubwürdigkeit. Dass nun zumindest ein Befehl, der sich an Spezialeinheiten richtete, schwarz auf weiß gefunden wurde, erzählt daher nichts Neues. Wozu also die Aufregung? Verbessert der Fund die Chance, Träger des Regimes doch noch vor Gericht zu stellen?

Obwohl das Schriftstück keinerlei Enthüllung darstellt und ganz abgesehen von möglichen juristischen Konsequenzen: Es ist gut, dass das Papier gefunden wurde. Denn die Geschichte lehrt, und zwar auch die Geschichte der Geschichtsschreibung, dass wir nie gefeit sind vor Versuchen, die Vergangenheit umzuschreiben. Auch relativ absurde Thesen können einen ernsthaften „Historikerstreit“ auslösen – etwa die Frage, ob Hitler seine Verbrechen als eine Art „Reaktion“ auf den Stalinismus verübt habe.

Gerade die Tatsache, dass die DDR im Vergleich zur Nazi-Diktatur „harmloser“ war, verführt zu einem Doppelbild: dämonisches „Drittes Reich“, spießig-lächerliche Ostzone. Man muss nur an den Film „Good Bye Lenin“ denken. Und weil die deutsche Vergangenheit ein erstklassiger Stoff ist, den Hollywood gerade erst richtig entdeckt, wird mehr und mehr die Unterhaltungsbranche unser kollektives Geschichtsbild prägen. Daher ist ein spektakulärer Fund gut, der schwarz auf weiß belegt: Es gab einen Schießbefehl, sogar gegen Frauen und Kinder.

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