Kommentare
Schlank in die fetten Jahre

Drei, allenfalls vier Jahre dauert ein Aufschwung, so kennen wir es aus der Wirtschaftsgeschichte.

Doch mittlerweile hat die Weltwirtschaft ein halbes Jahrzehnt starken Wachstums hinter sich, ohne große Krise in einem der vielen Schwellenländer. Hier zeigen sich die Vorteile der Globalisierung und der Internet-Ära. Sie schaffen zwar kein grenzenloses Wachstum, wie viele im Technologieboom zur Jahrtausendwende glaubten, aber verhelfen zu mehr Stabilität und ermöglichen den Unternehmen anhaltende Gewinnsteigerungen.

Der Aufschwung begann, nachdem der 11. September und die Bilanzskandale die Welt erschüttert hatten. Kostensenkungsprogramme steigerten die Firmengewinne. Man glaubte, dieser Prozess sei zeitlich eng begrenzt. Von wegen, er hat in Deutschland gerade erst begonnen! Denn Marktöffnung und weltweiter Datenaustausch gehen in ihrer Wirkung über herkömmliches Kostensparen hinaus. Verbraucher und Unternehmen, die vorher kaum etwas voneinander wussten, kommen in Verbindung. Neue Märkte und mehr Wettbewerb zwingen die Unternehmen in den Industrienationen, günstiger zu produzieren, sich den Bedürfnissen in den rasch wachsenden Schwellenländern anzupassen und deren Möglichkeiten zu nutzen. Diese profitieren von neuen, größeren und stabileren Absatzmärkten, weil auch Europäer und Nordamerikaner ihre Produkte nachfragen.

So entsteht eine stabilere Weltwirtschaft auf breiteren Füßen. Zwar sind Wirtschafts- und Finanzkrisen à la Russland und Asien wie in den neunziger Jahren immer noch möglich, aber sie sind ein Stück unwahrscheinlicher. Denn je mehr kaufkräftige Märkte verzahnt sind, je wohlhabender die Schwellenländer werden, desto robuster ist die Weltwirtschaft. Gewachsen ist auch der Wille der entwickelten Länder, aus eigenem Interesse akute Probleme zu bewältigen. Einer Krise in Indien beispielsweise würde heute kaum jemand tatenlos zusehen. Ausländer investieren hier inzwischen jährlich sechs Milliarden Dollar, 20-mal mehr als vor zehn Jahren.

Die Folge für Deutschland ist, dass die großen Konzerne dank immer neuer Absatzmärkte der wachstumsschwachen heimischen Wirtschaft immer mehr vorauseilen. Continental, Linde und MAN erwirtschaften Jahr für Jahr Rekordgewinne. Sie verdoppelten binnen weniger Jahre ihre Renditen, indem sie sich den schmerzvollen Anpassungsprozessen stellten. Diesen Frühstartern folgen erst jetzt Tanker wie Daimler-Chrysler, Volkswagen, Siemens und Deutsche Telekom. Auch sie eilen den globalen Marktgesetzen hinterher. Sie verkaufen unrentable Geschäftsfelder, schließen zu teure Produktionsstätten und bauen dafür kostengünstigere auf.

Solch harte Restrukturierungen starten in der Breite erst jetzt. Dieser Prozess ist durchaus nicht dauerhaft mit Entlassungen verbunden. Continental-Chef Manfred Wennemer erntete zwar viel Schelte, weil er so früh und energisch wie kaum ein anderer den Marktgesetzen folgte. Doch Ergebnis ist, dass Conti heute mehr Geld in Deutschland investiert als früher, Naturwissenschaftler und Ingenieure in unserem Hochlohnland einstellt und dennoch seinen Aktionären glänzende Kurs- und Firmengewinne beschert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%