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Schmierer ohne Zukunft

Razzien bis in die Vorstandsbüros, schwarze Kassen: Sind deutsche Unternehmen besonders anfällig für Korruption?

Die Vorwürfe gegen Siemens können diesen Eindruck erwecken. Doch die hiesigen Firmen müssen nicht mit gesenktem Haupt durch die Gegend laufen. Diese These hat die nicht als Lobbyverband bekannte Antikorruptionsorganisation Transparency International (TI) formuliert.

In ihrem jüngsten Ranking hat TI den deutschen Unternehmen ein nicht unbedingt schmeichelhaftes, aber im internationalen Vergleich gutes Zeugnis ausgestellt. Deutschland landet auf dem siebten Rang von 30. Bei Auslandsgeschäften schmieren die als pingelig geltenden Amerikaner und Japaner mehr. Man kann auch Exportweltmeister werden, ohne zu den Spitzenreitern unter den Schmierenden zu gehören, folgert der TI-Deutschland-Chef.

Stolz können die Firmen trotzdem nicht auf dieses Ergebnis sein. Die Serie von neuen Korruptionsaffären, Geheimfonds und Untreue ist nicht schönzureden. Aus ureigenem Interesse kann die Wirtschaft nicht über Skandale wie die Bestechung bei Automobilzulieferern hinweggehen. Und auch wenn Wolfsburg den Imageschaden nicht in Cent und Euro beziffern kann: Noch lange wird man VW mit Liebesreisen auf Firmenkosten assoziieren. Infineon, BMW, Daimler-Chrysler, Ikea: die Liste der Korruptionssünder ist noch zu lang.

Deshalb müssen die Staatsanwaltschaften durchgreifen. Sie tun es auch, und wenn sie immer öfter fündig werden, liegt es nicht zuletzt daran, dass die Bundesländer mehr Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften eingerichtet haben. Die gehen mit dem nötigen Know-how gegen die Wirtschaftskriminellen vor. Die Zahl der aufgedeckten Fälle steigt, obwohl die Staatsanwaltschaften insgesamt noch zu wenig Geld und Personal haben.

Damit sie ahnden und abschrecken können, brauchen die Staatsanwälte die Hilfe der Unternehmen. Und die leisten sie seit ein paar Jahren. Das lässt hoffen: In den Vorstandsetagen wächst die Einsicht, dass der Imageverlust teurer kommt als ein verlorener Auftrag. Die lauwarmen Erklärungsversuche ertappter Täter über den harten Wettbewerb und internationale Gepflogenheiten, denen man sich nicht entziehen könne, sind kein Konsens mehr. Korruptionsbekämpfung gilt in Wirtschaftskreisen immer weniger als Standortnachteil, das gilt trotz des spektakulären Siemens-Falls.

Daimler-Chrysler hat jetzt innerhalb des Konzerns eine „Compliance-Organisation“ installiert. Die passt auf, dass alle Geschäftsprozesse gesetzeskonform ablaufen und auch den internen Regeln folgen. Volkswagen berief als erster großer deutscher Autohersteller Ombudsleute gegen Korruption und erhält seitdem durch so genannte „Whistle-Blower“ Informationen über fragwürdige Vorgänge im Unternehmen und bei Zulieferern. Die Bahn hat ebenfalls einen Ombudsmann und erstellt einen eigenen Korruptionsbericht.

Die bislang geltende Dunkelziffer von 90 Prozent dürfte sich deshalb reduzieren. Nachholbedarf aber hat die Politik. Berlin weigert sich beharrlich, die Konvention der Vereinten Nationen gegen Korruption zu ratifizieren. Andernfalls müssten die Volksvertreter ja die Bestechlichkeit von Abgeordneten gesetzlich regeln.

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