Schröder gibt die Kanzlerschaft ab – und sorgt sich um seinen Ruf
Weggetreten!

Ein wichtiges Kapitel im Leben des Gerhard Schröder geht zu Ende. Während die einen ihn schon über Wasser wandeln sahen, warfen andere ihm vor, er würde an seinem Amt kleben. Schröder selbst sucht keinen Abgang in Raten, sondern einen ohne Gesichtsverlust.

BERLIN. Es ist Sonntagvormittag, und ganz Berlin kennt nur ein Thema: Wer wird der nächste Bundeskanzler? Wer führt die nächste Bundesregierung?

Der Mann, den diese Frage am meisten berühren müsste, aber ist in jenem Moment weit weg. Gerhard Schröder setzt sich ins Auto und lässt sich ins Westfälische nahe Paderborn bringen, zu seiner Mutter. Mit ihr hat er sich zum Mittagessen verabredet. Für sie hat er viel Zeit reserviert, das ist ihm wichtig. Denn sie hat ihm stets den Rücken freigehalten, sie diente ihm als lebender Beleg dafür, wo er selbst herkommt: von ganz unten. Sie sollte deshalb aus erster Quelle erfahren, wohin die politische Reise des Sohns geht und dass nun eben ein wichtiges Kapitel im Leben des Gerhard Schröder beendet sein würde. Nicht irgendein Kapitel, sondern das des Top-Politikers Schröder, das sind sieben Jahre Kanzlerschaft gewesen und zuvor acht Jahre als Landesvater in Niedersachsen.

Insgesamt 15 Jahre Politik in führenden Rollen, die von zwei Szenen begrenzt werden. Die eine ist jene des noch jungen, ehrgeizigen Schröder, der irgendwann vor Jahrzehnten am Zaun des Kanzleramts in Bonn rüttelt und halb spöttisch und halb ernst quer über die Straße brüllt: "Ich will hier rein." Die andere gilt jenem Auftritt am Wahlabend des 18. September 2005, in dem Schröder nach einem verlorenen Urnengang mit seinem unverhohlenen Drang zur Macht selbst bei seinen Anhängern viele Sympathien verspielt.

Es sind dies die Bilder vom Aufstieg und Fall eines SPD-Kanzlers, der, das ist seit gestern klar, nur noch wenige Tage im Amt sein wird.

Die beiden Szenen sind auch deshalb so typisch für Schröder, weil seine Kanzlerschaft wie keine zuvor auch von einem Streit über seinen Stil geprägt wurde. Der "Medienkanzler", wie er teilweise bewundernd, teilweise abwertend bezeichnet wurde, hat die frühere Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem erheblich verschoben. Schon als niedersächsischer Ministerpräsident präsentierte er sich der Presse fast nur im Team mit seiner früheren Frau Hiltrud Schröder. Konsequenterweise vermeldete die Staatskanzlei in Hannover die bevorstehende Trennung von "Hilu" damals per Pressemitteilung.

Hinter dem Modell Schröder steckte dabei stets nicht nur ein bestimmter Stil, sondern auch die Überzeugung, dass es ein berechtigtes und wachsendes Interesse der Menschen am Leben der Toppolitiker gebe. Das hat ihm viele Anfeindungen als "Polit-Schauspieler" eingebracht - aber eben auch eine Popularität, die die Union bis zuletzt fürchten musste.

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