Schröder
Kommentar: Trotziger Berserker

Was soll man nun mehr bewundern: die erstaunliche Aufholjagd des politisch bereits totgesagten Kanzlers und seinen darin offenbarten brachialen Machtwillen oder die Chuzpe, mit der Gerhard Schröder nach Schließung der Wahllokale das Ergebnis negierte?

Seine Regierung ist vom Wähler davongejagt worden, er selbst hat trotz beherzten Kampfes eines der schlechtesten Ergebnisse der SPD eingefahren. Doch der Berserker Schröder erklärte sich in einem wohl kalkulierten Ausbruch zum Sieger. Die anderen hätten verloren, ohne ihn gehe gar nichts!

Denkwürdig ist daran zweierlei: Die Begründung, wonach die CDU gar nicht stärkste Partei sei, weil sie ja eine "Fraktionsgemeinschaft" bilde und die Union ohne die Mandate der CSU weit hinter der SPD zurückliege, ist ihm und Müntefering nicht zu läppisch, um am Amt kleben zu wollen. Und die bräsige Medienschelte zeugt von kurzem Gedächtnis. Der einstige Medienkanzler watschte in herrischer Manier jene ab, deren er sich einst so virtuos bedient hatte und die ihn mehr als wohlwollend zu seinen beiden Wahlsiegen getragen haben.

Der begnadete Wahlkämpfer und trickreiche Parteipolitiker ist eben eher eine Spielernatur als ein weitsichtiger Staatsmann. Als solcher würde er bei abschwellendem Bocksgesang einsehen, dass er die Usancen deutscher Nachkriegspolitik nicht nach Belieben außer Kraft setzen kann. Und dass die Bildung einer handlungsfähigen Regierung nicht nach Gusto und Taktieren des Bundeskanzler verläuft, sondern ein Prozess demokratischen Ringens ist. Dass er unter Umständen bleiben kann, was er ist, hat mehr mit der Zersplitterung des Parteiensystems und dem gleichzeitigen Niedergang der Volksparteien zu tun als mit einer vorzeigbaren Bilanz seiner siebenjährigen Regierungszeit. Das ständige Negieren einer faktischen Niederlage ist vor allem auch eine Verhöhnung des Wählervotums.

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