Schröder reanimiert die Genossen
01.September 2005: SPD Parteitag

Vierzehn Minuten tosender Applaus. Selbst der griesgrämige Parteilinke Ottmar Schreiner rührt die Hände. "Wenn der immer so gesprochen hätte . . .", stöhnt er zu seinem Nachbarn. Nur wenige Meter vor ihm steht Kanzler Gerhard Schröder im durchgeschwitzten weißen Hemd mit einer parteiroten Krawatte und verschränkt wie ein Hammerwerfer zum Jubeln die Hände über dem Kopf.

"Dranbleiben, Gerd" steht auf den Schildern, die ihm von den begeisterten Delegierten entgegengestreckt werden und: "No Angies!" Lange waren sich die SPD und Schröder nicht so nahe wie am 31. August, dem Wahlparteitag in Berlin.

"Der Kanzler hat der Partei und sich selbst eine Brücke gebaut", wird später Präsidiumsmitglied Andrea Nahles sagen und sich damit vor allem auf die Rede Schröders beziehen. Die dauert anderthalb Stunden und streichelt die sozialdemokratische Seele. Von einer "unheiligen Allianz aus Meinungsforschern, Massenmedien und Wirtschaftsunternehmen" ist da die Rede, von den "Pennern" der Union, die nichts dazugelernt haben, und den Illusionisten Gysi und Lafontaine, die "die Klamotten hinschmeißen und abhauen, wenn es eng wird". In finstersten Farben malt Schröder die kalte Ellenbogengesellschaft aus, die unter Schwarz-Gelb droht, und veralbert "jenen Professor aus Heidelberg", dessen "Durchschnittssekretärin" zu "einem gewissen Prozentsatz" verheiratet sei.

Angriffslust, Polemik, Populismus - das kommt an bei den Genossen. Doch es erklärt nicht allein, weshalb Schröder, der ungeliebte Agenda-Macher und einsame Neuwahl-Exekutor, plötzlich an der Basis punktet. Verstecken wollten ihn viele im Wahlkampf. Nun müssen ausgerechnet im Ruhrgebiet zusätzliche Veranstaltungen mit dem Kanzler eingeschoben werden. Es ist der unbedingte Kampfeswille Schröders, der die Partei und außenstehende Beobachter beeindruckt. "Nichts ist entschieden! Lasst euch nicht ins Bockshorn jagen", donnert er auf dem Parteitag. Da dümpelt die SPD in den Umfragen seit Wochen bei 30 Prozent.

Gegen alle demoskopischen Wahrscheinlichkeiten gibt Schröder in diesem Wahlkampf sein Letztes. Mehr als 100 öffentliche Auftritte legt er in wenigen Wochen hin. Er kämpft auf den Plätzen der Republik, brilliert in Fernsehstudios, gibt mit Freund Putin den Staatsmann und umgarnt locker-selbstironisch die Spitzen der deutschen Automobilindustrie in Frankfurt. Weit mehr als eine halbe Million Menschen erlebt den 61-Jährigen bei Kundgebungen zwischen Rosenheim und Rostock. Und aus der anfänglichen Selbsthypnose wird tatsächlich eine Stimulanz: Die Umfragewerte der SPD klettern.

Ob diese Stimmung trägt und welche konkrete Politik aus ihr folgen würde, bleibt offen. "Dieser Parteitag war Tankstelle und Rakete zugleich", ruft SPD-Chef Franz Müntefering den Delegierten zu. Die Mischung klingt ziemlich explosiv. doe

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