Schröder spielt seine Rolle weiter
Ein Kanzler auf Abruf

Die Kabinettssitzung ist nüchtern und mit einer halben Stunde sehr kurz. Außenminister Joschka Fischer kommt ein paar Minuten zu spät. Aber Bundeskanzler Gerhard Schröder beginnt trotzdem pünktlich.

BERLIN. Denn das Signal des ersten Treffens der Regierung nach der Bundestagswahl ist klar: Nichts, aber auch gar nichts soll zurzeit den Eindruck erwecken, als ob der Kanzler nicht weiterregieren wolle. Deshalb wird prompt für kommende Woche eine weitere Kabinettssitzung angesetzt - obwohl in dieser Phase des politischen Limbos in Deutschland wenig Beschlüsse erwartet werden.

Aber Schröder hatte bereits am Wahlabend mit brachialer verbaler Wucht klar gemacht, was seine Konsequenz aus dem Wahlergebnis sein wird: "Ich sehe einen klaren Auftrag für eine Regierungsbildung", hatte er Kanzlerkandidatin Angela Merkel entgegengeschmettert. Noch am Abend rüffelte ihn selbst seine Gattin, er sei zu "ruppig" gewesen. Viele Beobachter waren empört über den als ausfallend empfundenen Auftritt des Regierungschefs. Am Montag hatte es den Anschein, als verstecke sich ein reuiger Schröder im Kanzleramt.

Nur: Seine Botschaft, die war innerhalb der SPD angekommen. Hier ist einer, der nicht freiwillig gehen wird, sondern notfalls schon weggeboxt werden muss. Und das traut sich nach dem Wahlergebnis, das viele Sozialdemokraten trotz der herben Verluste als Sieg empfinden, vorerst niemand. Im Gegenteil: Schröder kann schon in den Stunden nach Schließung der Wahllokale wie auf einem Abhakzettel vermerken, dass sich am Sonntagabend erst SPD-Parteichef Franz Müntefering, am Montag dann SPD-Präsidium und-Vorstand und am Dienstag schließlich die sozialdemokratische Fraktion hinter ihn scharen. "Unser Gerhard muss Kanzler bleiben", heißt es überall. Schröder hat seine Partei also nicht nur in Neuwahlen gezwungen, sondern nun auch zu einem weiteren Bekenntnis zu seiner Person.

Aufmerksam wird im Kanzleramt auch notiert, dass mögliche Rivalen wie Peer Steinbrück oder Kurt Beck brav ihre Solidaritätsbekundungen abliefern. Selbst die SPD-Linke Andrea Nahles nimmt plötzlich lieber eine Koalition mit der FDP als eine Regierung ohne Schröder in Kauf. Als Schröder deshalb am Mittwoch "auf meine Bitte" (Müntefering) mit zu den SPD-Sondierungsgesprächen mit den Grünen geht, wirkt er schon ein wenig entspannter. Den ersten Teil des neuen Machtkampfes hat er hinter sich. Seine Partei geht nur mit einer offiziellen Festlegung in die Gespräche: Schröder soll Kanzler bleiben.

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