Schuldenkrise
Niedrige Zinsen locken Unternehmen in Schuldenfalle

Ausgelöst durch die Schuldenkrise ist der Markt mit billigem Geld geflutet. Unternehmen nutzen die Gelegenheit, um sich mit Liquidität vollzusaugen. Doch die Finanzvorstände sollten sich nicht zu sehr verführen lassen.
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Der Technologiekonzern Siemens will bis zum Jahresende eigene Aktien im Wert von drei Milliarden Euro zurückkaufen. Die meisten davon werden anschließend vernichtet. Eine gute Nachricht für Aktionäre, sie müssen sich Dividendenzahlungen künftig mit weniger „Konkurrenten“ teilen.

Den Aktienkurs des Münchener Konzerns hat die Aktion auch beflügelt. Haben die Anleger etwas übersehen? Siemens verschuldet sich nämlich mit 2,7 Milliarden Euro, um das Rückkaufprogramm zu finanzieren. Mit anderen Worten: Siemens leiht sich Geld, um seine eigenen Aktien aus dem Verkehr zu ziehen. Das sollte eigentlich hellhörig machen. Schulden machen, um Aktionäre zu beglücken?

Doch in diesen Zeiten scheint Siemens genau das Richtige zu tun. Die Zentralbank hat den Markt mit billigem Geld geflutet. Und die Unternehmen nutzen die einmalige Gelegenheit, sich mit Liquidität vollzusaugen. Volkswagen, BMW, Thyssen-Krupp und Linde bedienen sich neben Siemens ebenso am Anleihemarkt wie der Dax-Aufsteiger Continental. So hat die Geldschwemme, ausgelöst durch die Schuldenkrise Griechenlands und anderer Euro-Länder, für die Wirtschaft sogar ihre positive Seite.

Die Unternehmen können ohne große Zusatzlasten - sprich Zinsverpflichtungen - Wachstumsprojekte finanzieren oder auch Aktionärsbegehren erfüllen. Vor allem jetzt, wo sich die Konjunktur abzukühlen scheint und erste Warnmeldungen aus den Unternehmen zu hören sind. Mit dickem Finanzpolster lässt es sich leichter in den Abschwung fahren.

Der Jubel über das Schlaraffenland sollte die Finanzvorstände aber nicht verführen. Schulden sind und bleiben Schulden. Es kommt der Tag der Rückzahlung. Und niemand weiß, in welcher Situation sich dann die Konzerne wiederfinden werden. Erst recht, wenn Laufzeiten von 30 Jahren wie im Fall Siemens dabei sind. Denn die Kosten der künftigen Umfinanzierung hängen von der wirtschaftlichen Lage jedes einzelnen Unternehmens ab. Wehe dem, der Milliarden umschichten muss und just dann in einem Konjunkturtief sitzt oder gar mitten in einer Branchenkrise.

Die Katastrophe der Autobranche Ende des Jahres 2008 ist noch gut in Erinnerung. Continental kann ein Lied davon singen. Ratingagenturen interessiert es dann wenig, dass die Zinsen in den zurückliegenden Jahren sensationell niedrig waren. Das ist Vergangenheit. Wenigstens verführt billiges Geld derzeit kaum einen Konzernlenker dazu, riskante Übernahmen zu starten. Da haben die Manager aus der Vergangenheit gelernt.

Vor gut fünf Jahren, also vor dem Ausbruch der Finanzkrise, hatten sich viele Unternehmen trotz höherer Zinskosten in einen regelrechten Bieterwahn gesteigert. Die Folgen schmerzen. Milliardenschwere Abschreibungen verhageln die Gewinne, weil teuer eingekaufte Beteiligungen die Erwartungen nicht erfüllten. Siemens, Eon und Merck sind drei Beispiele dafür. Das Dax-Trio hätte seine Aktionäre glücklich machen können, hätte es in den vergangenen Jahren nicht an allen Ecken und Enden Werte berichtigen müssen. Das ging voll zulasten der möglichen Dividende.

Die Eigentümer bluten für strategische Fehlentscheidungen des Managements. Andererseits: Muss es immer nach dem Glück der Aktionäre gehen? Muss es nicht. Die Zeiten des bedingungslosen Shareholder-Value-Glaubens sind vorbei. Unternehmen, die Aktienrückkäufe aus dem Cash finanzieren, sind eindeutig überzeugender. Sie demonstrieren Stärke. Siemens kann sich das schuldenfinanzierte Aktionärsgeschenk bei einer Eigenkapitalquote von 28 Prozent durchaus leisten. Gewohnheit sollte das aber nicht werden.

Der Autor ist Chefkorrespondent im Ressort Unternehmen & Märkte.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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  • Schön zu sehen, dass sich Continental aus der Krise befreit hat und nun mit guten Umsatzzahlen, dem Wiedereinstieg an der Börse und neuen Ideen punkten kann.

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