Schulpolitik
Berechtigte Kritik

Wenn die Kritik von außen kommt schließen sich die Reihen.

Es ist wie in der Familie: Wenn ein Angriff von außen kommt, schließen sich die Reihen – egal, ob die Kritik berechtigt ist. Als der Menschenrechtsbeauftragte der Uno gestern eine äußerst kritische Bilanz des deutschen Schulsystems vorlegte, wiegelten Politiker und Verbände unisono empört ab. Dabei hat der Sonderberichterstatter Vernor Muñoz nichts aufgeschrieben, was wir nicht ohnehin schon wüssten.

Das gilt vor allem für die von Muñoz beklagte soziale Ungerechtigkeit im deutschen Schulsystem. Seit den Pisa-Studien ist klar, dass sich in Deutschland selbst kluge Kinder unterer Schichten in der Schule wesentlich schwerer tun, als in anderen Ländern. Das liegt auch an dem von der Uno kritisierten dreigliedrigen Schulsystem. Selbstverständlich können Kinder auch optimal gefördert werden, wenn sie nach der vierten Klasse auf drei oder mehr Schularten aufgeteilt werden. Das ist aber in Deutschland nicht durchweg der Fall. Es beginnt schon bei der Aufteilung: So landen viele Kinder auf Haupt- und Realschulen, die das Zeug zu Gymnasiasten hätten, und viele auf Gymnasien, die dort eigentlich nicht hingehören. Und weil das System immer noch wenig durchlässig ist, werden Fehlentscheidungen selten korrigiert.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz war daher gut beraten, die Debatte über die Schulstruktur zumindest „legitim“ zu nennen. Der beste Beweis dafür ist, dass diverse Bundesländer schon heute zum zweigliedrigen System übergehen, indem sie Haupt- und Realschulen zusammenlegen. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Aus gutem Grund wagt sich jedoch kaum ein Kultusminister an eine Reform der Gymnasien. Zu groß wäre der Aufschrei der Bildungsbürger. Wenn die Politik wenigstens dafür sorgen würde, dass begabte Kinder jederzeit an ein Gymnasium wechseln könnten, wäre das auch in Ordnung.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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