Schulpolitik
Mehr Ehrgeiz!

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Im Jahr sieben nach dem Pisaschock zeigt ein Vergleich der Bildungspolitik in den Bundesländern: Die Schulminister der Republik haben zwar erkannt, an welchen Schräubchen sie drehen müssen. Sie tun das aber viel zu zögerlich und geben an den entscheidenden Stellen nicht genug Geld aus. Zudem scheuen sie nach der Übersicht des Instituts der Deutschen Wirtschaft den großen Sprung, wenn es um zentrale Dinge wie etwa die Bezahlung der Lehrer nach Leistung oder echte Autonomie für die Schulen geht.

Blamabel fällt die Zwischenbilanz bei der Ganztagsschule aus. Zwar ist mittlerweile dank der vier Milliarden Euro des Bundes jede sechste Schule eine Ganztagsschule. Das heißt aber nur, dass die Schüler den ganzen Tag betreut werden. Für die Entlastung der Eltern ist das sehr viel, denn es ermöglicht ihnen die Arbeit, die nach dem neuen Armutsbericht entscheidend dafür ist, echte Not in den Familien zu verhindern.

Pädagogisch aber bleibt es ein Armutszeugnis. Denn nur eine echte, verpflichtende Ganztagsschule kann kreative Pausen einlegen, schwache Schüler in Zeiten fördern, zu denen sie auch aufnahmefähig sind, und besonders Begabten Zusatzangebote machen. Das ist heute nicht einmal in jeder zehnten Ganztagsschule der Fall. Dass NRW hier zumindest bei den Hauptschulen vorangeht, sollten andere Länder nicht mit dem Hinweis abtun, dass es das größte Bundesland besonders nötig habe.

Die „Mutter“ des Ganztagsschulprogramms, die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn von der SPD, träumte von pädagogischen Konzepten – und scheiterte kläglich am Eigensinn der Länder. Das Ergebnis sind Ganztagsschulen, in denen schon Grundschüler sechs oder sieben Stunden am Stück Unterricht haben und anschließend in den Hort gehen, ohne dass das eine viel mit dem anderen zu tun hätte.

Um diese Misere zu ändern, braucht es auch Geld. In den kommenden Jahren werden durch den Rückgang der Schülerzahlen Milliardenbeträge frei, die hier gut angelegt wären. Unverzichtbar ist aber eine neue Organisation der Schulen. Sie scheitert oft schlicht daran, dass die Kultusminister zu feige sind, den Lehrern eine Präsenzpflicht zu verordnen, und zu geizig, in den Schulen die nötigen Arbeitsplätze einzurichten.

Eng verbunden mit den Ganztagsschulen ist die vielbeschworene „individuelle Förderung“. Die Politik hat eingesehen, dass es ohne sie nicht geht. Aber sie traut sich selbst nicht über den Weg: Wer individuelle Förderung ernst nimmt, kann auch das Sitzenbleiben abschaffen – das meist ohnehin nur wertvolle Lebenszeit unserer Kinder vergeudet. In anderen Ländern existieren die deutschen „Ehrenrunden“ gar nicht. Doch so weit wagt sich bisher kein einziges Bundesland vor.

Erschreckend ist, dass nur sechs Länder frühzeitig die Sprachkenntnisse der Vorschulkinder testen. Hier geht Bayern voran, an dessen Tests sich auch andere orientieren. Wer fahrlässig die Chance vergibt, allen Kindern vor der Einschulung ausreichend Deutsch beizubringen, bezahlt dies mit höheren Kosten und schlechteren Resultaten in der Grundschule.

Auch vom Ideal der autonomen Schulen, die sich im Wettbewerb gegenseitig beflügeln, sind die allermeisten Länder noch weit entfernt. Hier lohnt der Blick ins kleine Mecklenburg-Vorpommern, das seinen Schulleitern so viel Rechte gibt wie sonst kein Land. Die Rektoren sind dort voll verantwortlich für Einstellung und Entlassung von Lehrern, die Angestellte sind. Daneben haben sie begrenzte Budgetverantwortung, etwa für Vertretungsunterricht. Doch selbst Autonomie nutzt den Schulen nur begrenzt, wenn gute Lehrer nicht endlich auch besser honoriert werden können als schlechte.

Ein grundsätzliches Problem ist zudem im ganzen Land die Auswahl, die Ausbildung und die Weiterbildung der Lehrer. Gerade weil das Image des Lehrers nicht das beste ist, streben zu viele ungeeignete und zu wenig hochmotivierte junge Leute in die Schulen. Eigentlich müssten die Kultusminister hier strenge Eingangskontrollen verhängen. Sie können das aber nicht, weil sie mangels Masse an Bewerbern derzeit noch fast jeden nehmen müssen.

Die Lehrer, die bereits im System sind, werden viel zu wenig weitergebildet, um all die neuen Anforderungen durch die Reformen meistern zu können. Und diejenigen, die trotz allem engagiert und motiviert arbeiten, können dafür im geltenden System nicht einmal belohnt werden.

Hier schließt sich der Kreis: Erst wenn Schulen unabhängig agieren können und vor allem ihr Personal aus einem genügend großen und guten Pool auswählen können, sind sie in der Lage, wirklich zu konkurrieren. Dann könnte auch im Schulsystem Wettbewerb stimulierend wirken.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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