Schulpolitik
Vergeigte Reform

Seit der Wahl in Hessen ist klar: Mit Schulpolitik kann man Landtagswahlen zumindest verlieren. Ein Gutteil der Verluste, die Roland Koch hinnehmen musste, sind dem Ärger der Eltern über die dilettantische Organisation des achtjährigen Gymnasiums – des berüchtigten G8 – geschuldet.
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Das Gleiche könnte im Herbst der CSU blühen. Auch in Bayern ist der Unmut über die überhastete Einführung des G8 groß. Das Problem selbst taucht jedoch in unterschiedlicher Schärfe bundesweit auf.

Das Ziel der Kultusminister, die deutsche Schulzeit internationalen Gepflogenheiten anzupassen, ist richtig. Denn das deutsche Abitur nach dem 13. Schuljahr ist ein europäischer und internationaler Ausnahmefall. Unsere Abiturienten sind damit deutlich älter als diejenigen im Ausland – ohne dass sie deshalb deutlich besser für den Beruf gewappnet wären. Der Staat verschwendet die Lebenszeit seiner Schüler.

Die in vielen Ländern mittlerweile frühere Einschulung, das achtjährige Gymnasium und die Etablierung der neuen, kürzeren Bachelorstudiengänge können den demografiebedingten künftigen Mangel an Hochqualifizierten zumindest zum Teil ausgleichen. Die Akademiker stehen dem Arbeitsmarkt rund vier Jahre früher zur Verfügung. Gleichzeitig verlängert sich auf diese Weise die in Deutschland bisher extrem kurze Periode, in der junge Menschen Familiengründung und Berufseinstieg unter einen Hut bringen müssen.

Doch die Kultusminister haben zwar die Schulzeit verkürzt, die Gesamtstundenzahl im Gymnasium aber beibehalten. 40-Stunden-Wochen für Halbwüchsige sind die Folge. Offenbar haben die Planer gehofft, dass sich das irgendwie zurechtrüttelt. Erst seit Eltern landauf, landab über gestresste Schüler und teure Nachhilfestunden klagen und so mancher Gymnasiast auf die neunjährige Gesamtschule flüchtet, hat das große Nachdenken begonnen.

Zu einem geringen Teil spiegelt der Streit die Haltung von Eltern, die hohen Anforderungen prinzipiell feindlich gesinnt sind. Dass das Abitur in zwölf Jahren zu schaffen ist, zeigen Sachsen und Thüringen: Dort wurde das in der DDR unbekannte 13. Schuljahr nie eingeführt, dennoch schnitten beide Länder in den Pisa-Studien gut ab. Dennoch ist es wenig hilfreich, wenn sich ausgerechnet die Bundesbildungsministerin, die für Schule gar nicht zuständig ist, das „Geknatsche“ über die Reform verbittet. Denn der Nachbesserungsbedarf ist offensichtlich.

Vor allem die Ganztagsschule gewinnt durch den Ärger über das G8 erneut die – verdiente – Aufmerksamkeit. Bisher haben die Länder vor allem Grund- und Hauptschulen in Ganztagsbetriebe umgewandelt, an Gymnasien blieb alles beim Alten – eine löbliche Ausnahme bildet etwa Rheinland-Pfalz. Doch wer Gymnasiasten acht oder neun Stunden täglich „beschult“, ohne Mittagspause samt Mahlzeit anzubieten und Hausaufgabenbetreuung zu integrieren, darf sich über Überdruss bei Kindern und Eltern nicht wundern.

Daneben ist es erforderlich, die Lehrpläne auf das zu durchforsten, was heute noch zeitgemäß ist. Mehr denn je muss es darum gehen, Kindern nicht schieres Wissen, sondern Handwerkszeug mitzugeben, das sie fit macht für lebenslanges Lernen. Der Umbau des Unterrichts im Sinne der neuen Bildungsstandards – also weg vom detailliert vorgeschriebenen Stoff hin zur Definition dessen, was Schüler am Ende können sollen – hat erst begonnen.

Unabhängig davon gibt es durchaus stille Reserven in den Stundenplänen. So hat eine Pisa-Folgestudie gezeigt, dass ein Großteil der Schüler in der 10. Klasse in Mathematik und Naturwissenschaften so gut wie nichts dazulernt. Unsinnig ist, die Kürzung der Gymnasialzeit nur in der Unter- und Mittelstufe zu organisieren, weil das vor allem Kinder in der Pubertät trifft. Auch in der Oberstufe gibt es jede Menge Leerlauf, vor allem in der 11. Klasse und im letzten Halbjahr. Schließlich spricht nichts dagegen, neben dem Gymnasium an Gemeinschaftsschulen den neunjährigen Weg zum Abi anzubieten. Das hilft den Schwächeren, gleichwohl das Ziel zu erreichen. Zudem kann Wettbewerb dem Gesamtsystem nur nutzen.

Erledigen die Kultusminister diese Hausaufgaben, wird das G8 nicht nur der Normalfall, sondern auch ein Erfolg. Dann kann man mit Schulpolitik auch wieder Wahlen gewinnen.

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