Schweiz
Not und Tugend

Spötter im Ausland sagen, in der Schweiz liefen die Uhren stets etwas langsamer als anderswo. Die Schweizer antworten darauf meist, dass ihre Uhren genauer gehen.

Dieser klischeehafte Schlagabtausch beschreibt recht gut die unterschiedlichen Reaktionen auf die Finanzkrise. Während sich die meisten europäischen Länder in den vergangenen Tagen mit staatlichen Rettungsaktionen überschlagen haben, herrscht in der Alpenrepublik eine fast unwirkliche Stille.

Offiziell begrüßt man in Bern und Zürich zwar die internationale Staatshilfe. Hinter vorgehaltener Hand heißt es jedoch: "Wir haben keinen Grund, den Aktionismus der anderen mitzumachen."

In solchen Aussagen zeigen sich zunächst die historischen Eigenheiten der Schweiz. Der Staat spielte in der Alpenrepublik noch nie eine große Rolle - schon gar nicht in der Wirtschaft. Zugleich lassen sich die Eidgenossen nur ungern in internationale Gemeinschaftsaktionen einbinden und gehen lieber ihren eigenen Weg. Diese politische Dickschädeligkeit verträgt sich allerdings nicht besonders gut mit der weltoffenen Schweizer Volkswirtschaft. So wissen auch die Klügeren unter den Eidgenossen, dass sich das Land ebenso wenig von der Finanzkrise wie von dem Systemwechsel in der internationalen Bankenwelt abschirmen kann.

Aus diesem Grund hat die Schweizerische Nationalbank sich frühzeitig und kontinuierlich an den massiven Liquiditätshilfen für die kurzfristigen Kreditmärkte beteiligt. Zuletzt senkte sie die Leitzinsen im Gleichschritt mit den anderen großen Zentralbanken in Europa und den USA. Auch hat sich die Eidgenössische Bankenkommission frühzeitig dafür starkgemacht, den Verschuldungsgrad (leverage ratio) der beiden Großbanken UBS und Credit Suisse durch höhere Eigenmittel zu begrenzen. Bereits jetzt verlangt die Schweiz von ihren Banken mit dem sogenannten "Swiss Finish" ein höheres Eigenkapital als vom Basel-II-Abkommen vorgeschrieben.

Die Schweizer waren also durchaus nicht untätig. Dennoch haben sie sich in der heißen Phase der letzten Wochen auffallend zurückgehalten. Weder hat die Regierung eine allgemeine Garantie für die Sparguthaben ausgesprochen noch hat sie ein Sicherheitsnetz unter ihre Banken auf den Kreditmärkten gespannt. Sie sieht auch keinen Grund, den Finanzinstituten direkte Kapitalhilfen anzubieten oder ihnen das Leben durch eine Aufweichung der strengen Bilanzierungsvorschriften (mark-to-market) leichter zu machen.

Ist die Schweiz also die letzte Trutzburg des Finanzkapitalismus alter Prägung? Nicht unbedingt. Hier zeigt sich vielmehr die Machtlosigkeit eines kleinen Landes, das im Notfall finanziell gar nicht in der Lage wäre, seine beiden Großbanken zu retten. Insofern machen die Eidgenossen aus der Not einfach eine Tugend.

Ungefährlich ist das nicht. Bleiben die Schweizer bei ihrer staatlichen Abstinenz, könnten ihre Banken nach dem Systemwechsel in der Finanzwelt zum ersten Testfall werden. Hat der massive Staatseingriff in Europa und in den USA doch den internationalen Wettbewerb zwischen den Banken grundlegend verändert. Die Manager bei UBS und Credit Suisse müsse künftig mit Staatsbankern in London, New York und Frankfurt konkurrieren.

Das bringt Vor- und Nachteile mit sich. Zunächst dürften die Banken mit staatlichen Kreditgarantien einen Bonitätsbonus gegenüber den rein privaten Instituten genießen. Davon haben die deutschen Landesbanken jahrelang profitiert. Den Schweizer Bankern droht eine höhere Risikoprämie auf den Geldmärkten. Und das ist ein klarer Wettbewerbsnachteil.

Umgekehrt müssen sich die Züricher Banker aber nicht von staatlichen Aufsehern in ihre Geschäfte hineinreden lassen. Die Entscheidungen über Dividenden, Kreditvergabe und die Strategie der Banken unterliegt allein wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Das ist sicher ein Vorteil. Gibt es doch keinen Beleg dafür, dass Staatsbeamte die besseren Banker sind. Das Gegenteil ist der Fall. Auch dafür liefern die Landesbanken in Deutschland den Beweis. Unter dem Strich könnten die Schweizer mit ihrer aus der Not geborenen Eigensinnigkeit durchaus Erfolg haben. Nur schiefgehen darf dabei nichts.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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