Schwelle ins Dienstleistungs-Zeitalter
Die CeBIT steht vor einem Umbruch

Die CeBIT hat in diesem Jahr einen Einbruch bei Ausstellern und auch bei Besuchern hinnehmen müssen. Die IT-Branche steht auf der Schwelle ins Dienstleistungs-Zeitalter.

HANNOVER. Schon immer diente die CeBIT als Konjunkturbarometer und Impulsgeber. Dass die Messe rund 20 Prozent weniger Aussteller hat als im Vorjahr ist angesichts allgemeiner Kostensparung und der Konzentration in der Branche nachvollziehbar. Interessanter ist die Frage, wie die IT-Branche in die Zukunft blickt.

Die Stimmung ist gespalten. Vor allem große Anbieter überraschten in den vergangenen Wochen mit guten Zahlen. "Der Himmel über der Softwarebranche hellt sich auf" titelte das Handelsblatt, als SAP, Siebel und Peoplesoft steigende Umsätze verkündeten. Doch wie immer haben die Großen die Krise genutzt, um sich auf Kosten der kleineren Mitbewerber zu stärken. 45 Prozent des weltweiten Softwareumsatzes werden heute von den fünf größten Unternehmen der Branche gemacht, allein 25 Prozent entfallen auf Microsoft. Das Resultat der IT-Krise ist ein enormer Konzentrationsprozess, der sich fortsetzen wird.

Völlig neue Konkurrenzsituationen

Die Branche ist durch das Zusammenwachsen von Informationstechnik, Telekommunikation und Unterhaltungselektronik gekennzeichnet. Das wird auf der einen Seite einen Schwung neuer, innovativer Produkte bringen. Auf der andern Seite ergeben sich dadurch völlig neue Konkurrenzsituationen. Große Hersteller müssen in der Lage sein, komplette Infrastrukturen für die Integration der Schlüsseltechnologien und die Versorgung der Benutzer mit digitalen Diensten und Anwendungen anzubieten. Weil die Technik in den Hintergrund rückt, müssen sich die Unternehmen mehr und mehr zu Dienstleistern und Versorgern wandeln. Eine SAP wird in Zukunft weniger gegen Siebel und Peoplesoft bestehen müssen als sich vielmehr mit IBM oder Telco-Unternehmen zu messen.

In der Informationstechnik sorgen neue Technologien und Standards für Bewegung. Allein mit Softwarelizenzen, die in der Vergangenheit das Hauptgeschäft darstellten, können die Hersteller nicht mehr wachsen. Wie in den 80er Jahren die Hardware, so entwickelt sich nun die Software zur austauschbaren Commodity. Neue Technologien und Standards ermöglichen eine andere Art von Software, die dem Anwender mehr Wahlfreiheit gibt. Hierzu zählen Workflowsysteme, Standards zum Datenaustausch im Zuge von Internet-Anwendungen (sogenannte Web Services) und spezielle Integrationswerkzeuge (Enterprise Application Integration Tools, EAI), die eine leichtere Montage von Komponenten ermöglichen. Für die Hersteller wird es wichtig, die Anwendungsplattform zu dominieren, auf der die Bausteine zusammengefügt werden.

Produkte müssen inhaltlich neu definiert werden

Hinzu kommt, dass die Produkte auch inhaltlich neu definiert werden müssen. Unternehmenssoftware leitet sich heute noch überwiegend aus den Abteilungen ab, die sie einsetzen: Finanzen, Personal, Vertrieb, Einkauf. Doch die Unternehmen haben längst begonnen, ihre Organisationen nach Geschäftsprozessen auszurichten. Gerade in den vergangenen Monaten, als viele IT-Projekte gestreckt oder storniert wurden, haben Unternehmen die Priorität auf die Verbesserung ihrer Prozesse gelegt, weil sie damit mehr Geld sparen als sie durch die Eröffnung eines Online-Shops verdienen können. In Zukunft erwarten sie Software, die auch unternehmensübergreifend Prozessketten unterstützt. Das erfordert neben einer anderen Softwarearchitektur auch die Fähigkeit der Anbieter zur Prozess- und Organisationsberatung. Diesen Trend hat beispielsweise der frühere Hardwarehersteller IBM früh erkannt und ist heute mit über 180.000 Mitarbeitern der größte IT-Dienstleister der Welt.

Die größten IT-Unternehmen der Welt bereiten sich auf die Auseinandersetzung um diese Anwendungsplattformen für Geschäftsprozessmanagement vor: SAP und Microsoft vorne dran. Wegen der Technologienähe sehen aber auch Hardware-Hersteller wie IBM und Sun hier ihre Chance. Der Anwender steht vor strategischen Entscheidungsfragen: Kann er mit einer Plattform auskommen? Ist es sinnvoll, mehrere Plattformen einzusetzen, um das Spektrum der Anwendungssoftware zu erweitern? Mit welcher dieser Plattformen soll er sich beschäftigen? Softwarehäuser müssen sich ebenfalls fragen, mit welchen Plattformen sie sich verbinden wollen.

Optimierung von Geschäftsprozessen gefragt

Die Optimierung von Geschäftsprozessen mag kein sexy Themen sein. Aber hier spielt für die meisten Unternehmen die Musik der IT: Viele Unternehmen haben im vergangenen Jahr zukunftsweisende IT-Projekte abgeschlossen, mit denen Prozesse digitalisiert und beschleunigt wurden.

Anbieter von Unternehmenssoftware haben gute Chancen in diesem Marktkampf, weil sie mit ihren Programmen bereits Geschäftsprozesse unterstützen. So ist die Dominanz von SAP darauf zurückzuführen, dass das Unternehmen sehr frühzeitig erkannt hat, dass verschiedene betriebswirtschaftliche Funktionen durch einen Geschäftsprozess ineinandergreifen und deswegen eine einheitliche Datenbank mit einheitlichen Datendefinitionen zur Unterstützung dieses Geschäftsprozesses erforderlich ist. Mit der angekündigten SAP-Plattform "Netweaver" will SAP Schnittstellen zu den Plattformen von Microsoft und IBM unterstützen.

Auf der andern Seite stehen die großen Infrastruktur-Anbieter wie IBM, die viel Know-How in der Systemintegration mitbringen. Sie verfügen über eine breite Palette an Produkten und Beratungs-Know-How, um für Prozessketten verschiedene Systeme zu kombinieren. Trotz ihrer breiten Kundenbasis haben sie es aber bislang nicht geschafft, einen Standard in der Anwendung zu setzen. Gespannt darf man auf den von Microsoft neu entfachten Kampf um den Mittelstand sein, der eine große Vereinfachung von Systemen und Prozessen nach sich ziehen wird. Mit seinen millionenfach eingesetzten Office-Systemen besitzt Microsoft eine Monopolstellung, die auch den Sprung in neue Marktsegmente ermöglicht.

Neue Player werden kommen und von dem Paradigmenwechsel profitieren. Auch die großen Hersteller müssen sich auf die neuen Herausforderungen einstellen und ihr Leistungsangebot teils grundlegend modifizieren. Eines gilt als sicher: Die IT-Industrie vollzieht den Wandel in eine Dienstelsitungsbranche.

Portrait

1985 legte der gebürtige Westfale Prof. Dr. Dr. h.c. mult. August Scheer-Wilhelm den Grundstein für die IDS Scheer AG. Seit November 1999 ist Scheer Beauftragter des Ministerpräsidenten des Saarlandes für Innovation, Technologie und Forschung. Lesen Sie mehr über den leidenschaftlichen Jazz-Musiker in seinem Portrait weiter ...

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