Schwellenländer
Arme Reiche

Reichtum kann Frust sein – wenn nur die anderen davon profitieren. So ergeht es Milliarden Menschen in Entwicklungsländern. Sie nennen zwar große Schätze ihr Eigen. Sie bleiben aber arm.
  • 0

Sie verfügen über Rohstoffe, vor allem über Agrarprodukte. Die Nachfrage nach ihren Waren boomt, und dieser Boom wird noch Jahre andauern. Produkte wie Biokraftstoffe könnten in Zukunft der Verkaufsschlager werden. Der Sog kommt vor allem aus China und Indien. Auch andere rasch wachsende Wirtschaften entwickeln einen immer größeren Hunger nach Agrarprodukten. Doch das Geschäft machen die verarbeitende Industrie, die Verpacker, die Handelsketten – nicht die Bauern in den Entwicklungsländern.

Wenn die Habenichtse aus dem Süden mehr von ihrem Reichtum, mehr von ihren Früchten hätten, dann könnte auch der industrialisierte Norden profitieren. Dann erschlössen sich riesige Märkte für die Produkte der etablierten Wirtschaftsmächte wie Deutschland. Große Teile der Erde könnten mehr sein als nur billige Rohstofflieferanten. Die Uno debattiert diese Woche in Brasilia über die armen Reichen. Einige Fakten, zunächst der Aufwärtstrend: Zwischen 1993/95 und 2003/05 schoss die Nachfrage nach den meisten Agrarprodukten aus armen Ländern steil nach oben: Gemüse rund 70 Prozent plus, Reis rund 67 Prozent plus, Tee um 54 Prozent plus, Kakao fast 45 Prozent plus, Bananen rund 40 Prozent plus, Kaffee rund 17 Prozent plus. Dann der Abwärtstrend: Indonesische Kaffeebauern verloren seit Beginn der achtziger Jahre mehr als zehn Prozentpunkte ihres Anteils vom Enderlös ihres Produktes. Insgesamt, so schätzt die Uno, bleiben den Bauern nur vier bis zehn Prozent des Enderlöses.

Wie kann die Abkoppelung der Produzenten von den steigenden Erlösen gestoppt werden? Die Reichen im Norden könnten etwas tun. Baumwolle ist das beste Beispiel. Afrikanische Baumwollproduzenten sind auf sich alleine gestellt, beziehen keine Subventionen. In anderen Teilen der Welt, besonders in den USA, hätscheln Politiker ihre Baumwollfarmer. Rund fünf Milliarden US-Dollar staatlicher Hilfe kassieren nichtafrikanische Baumwollproduzenten. Eine volle Liberalisierung des Weltmarktes für Baumwolle wäre ein Segen für die Afrikaner. Der Weltmarktpreis würde, nach Kalkulationen des Internationalen Währungsfonds, um bis zu sechs Prozent steigen. Und die Ausfuhren vom Schwarzen Kontinent würden um bis zu 13 Prozent steigen. Die armen Staaten müssen sich vor allem aber selbst helfen – und genau da liegt das Problem. Es beginnt mit dem Fluch der Entwicklungsländer: den unfähigen Eliten. Viele Politiker schaffen nicht die Rahmenbedingungen, die für das gesunde Wachstum von Unternehmen essenziell sind. Rechtssicherheit etwa ist in großen Teilen des Südens ein Fremdwort. Staatliche Willkür, schwache Institutionen und Bürokratie hindern viele Farmer daran, so groß und stark zu werden, dass sie sich auf den internationalen Märkten besser durchsetzen können. Bewaffnete Konflikte in vielen unterentwickelten Regionen der Welt verschlimmern die Lage – vor allem in Afrika.

Auch treibt die Gier ihr Unwesen. Etliche Machthaber stopfen die Einnahmen des Staates, inklusive Entwicklungshilfe, in die eigene Tasche. Gleichzeitig fehlt es an Straßen, Bahnen, Häfen und Airports. Die katastrophale Infrastruktur erhöht massiv die Transportkosten für die Güter der armen Länder. In Tansania etwa verschlingt der Transport von Mais rund 60 Prozent der gesamten Vermarktungskosten.

Zudem fehlen Lagermöglichkeiten für Rohstoffe. Ebenfalls in Tansania verrottet rund ein Drittel des geernteten Maises. Die meisten Bauern haben auch keinen Zugang zu Finanzmärkten, können keine Kredite für Investitionen auftreiben. Der Kauf eines Traktors bleibt daher für viele Farmer ein Traum. Kaum verwunderlich, dass die Produktivität zahlreicher landwirtschaftlicher Betriebe in den Entwicklungsländern bestenfalls stagniert.

Das alles lastet auf den einkommensschwachen Staaten besonders stark, weil sie in einer fatalen Abhängigkeit vom Rohstoffexport gefangen sind. Von 144 Entwicklungsländern bekommen 86 mehr als die Hälfte ihrer Ausfuhrerlöse durch die Ausfuhr natürlicher Ressourcen, oft sind es Agrarprodukte. Und 38 Staaten des Südens erzielen die Hälfte oder mehr ihrer totalen Ausfuhrerlöse durch den Verkauf eines einzigen Rohstoffes.

Die Globalisierung bietet den armen Reichen ökonomische Chancen in Hülle und Fülle. Oft aber nur auf dem Papier. Denn Politiker versperren den Weg in eine bessere Zukunft. Die Debatte in Brasilia soll laut Uno dazu dienen, diese Probleme stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Damit allein ist den Bauern aber nicht geholfen – etwas konkretere politische Ideen wären schon nötig.

Kommentare zu " Schwellenländer: Arme Reiche"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%