Schwellenländer
Gefährliche Wette

Deutsche Privatanleger gelten im Vergleich zu Investoren aus anderen Ländern als extrem risikoscheu. Nach den Erfahrungen mit dem Zusammenbruch des Neuen Marktes im Jahr 2000 meiden sie die Aktienmärkte am liebsten ganz und stecken ihr Geld stattdessen in Fonds oder Zertifikate mit Kapitalgarantie oder zumindest hohem Sicherheitspuffer.

So weit das gängige Klischee. Zumindest ein Teil der deutschen Privatanleger ist aber nach wie vor auch empfänglich für Verführungen. Das zeigen die massiven Zuflüsse in Zertifikate auf exotische Schwellenländer. Angelockt von der Aussicht auf üppige Renditen an scheinbar vernachlässigten Börsen, reißen die Deutschen den Emittenten die Produkte auf Länder wie Vietnam, Pakistan oder die Philippinen förmlich aus den Händen. Allein in das Vietnam-Zertifikat der DWS flossen seit Dezember rund 60 Millionen Euro. Jetzt heben die Emittenten das Thema Schwellenländer mit Schlagwörtern wie „Next 11“ oder „3rd Wave“ auf eine neue Ebene. Statt in einzelne Länder investieren neuere Zertifikate in einen bunten Korb aus Aktien verschiedener Länder. Zu den „nächsten elf“ zählen Staaten wie Südkorea und Mexiko ebenso wie die Türkei, Ägypten oder Indonesien. Die „dritte Welle“ der Emerging Markets umfasst laut Definition der DWS zurzeit 20 Staaten aus allen Erdteilen, von Peru und Panama über Kasachstan, die Ukraine und Oman bis hin zu Sri Lanka.

Die Anlage über verschiedene Staaten hinweg gibt den Anlegern etwas mehr Sicherheit vor plötzlichen Rückschlägen an einzelnen Märkten. Dennoch ist das Risiko in den kleinen Schwellenländern enorm. Viele Aktienmärkte befinden sich in einem frühen Entwicklungsstadium, effiziente Kontroll- und Regulierungsapparate fehlen oft ebenso wie eine messbare Corporate Governance auf Firmenebene. Hinzu kommen Systemrisiken wie Beschränkungen des Kapitalverkehrs, unklare Eigentumsrechte oder instabile politische Strukturen. Ohne Zweifel stehen diesen Gefahren große Chancen gegenüber. Die Globalisierung breitet sich unaufhaltsam aus, immer schneller wandert das Kapital dorthin, wo es die effizienteste Verwendung findet. Davon profitieren die Schwellenländer, die als günstige Zulieferer, neue Produktionsstätten oder lukrative Absatzmärkte in Betracht kommen. Der Internationale Währungsfonds erwartet, dass sich die Emerging Markets in den kommenden Jahren zur Lokomotive der Weltwirtschaft aufschwingen werden. Die Weltbank traut ihnen 2007 ein Wachstum von 6,4 Prozent zu, den Industrieländern nur von 2,4 Prozent.

Das Problem der Anleger: Der Trend ist an den Aktienmärkten schon lange bekannt. Seit 2003 kennen die Börsen der Emerging Markets nur den Vorwärtsgang. Der Leitindex für Schwellenländeraktien, der MSCI Emerging Markets, ist seither, angetrieben von der Euphorie um die „Bric“-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China, um 250 Prozent gestiegen. Inzwischen ist die Risikoprämie von Schwellenländeraktien gegenüber als sicherer eingestuften Titeln aus Industriestaaten auf den tiefsten Stand seit 2000 gefallen. Auch viele der exotischen Börsenplätze, die die Banken den Anlegern jetzt ans Herz legen, sind längst nicht mehr so unbekannt, wie es in den Produktbroschüren gerne dargestellt wird. Die gewaltige Liquiditätswelle, die seit Monaten über den Globus schwappt, hat vor den Börsen von Lima bis Colombo nicht Halt gemacht und etwa in Vietnam heftige Kursexzesse ausgelöst. Denn die Nachfrage übertrifft das dünne Angebot bei weitem.

Wo die hohen Zuflüsse gerechtfertigt und wo sie bereits Ausdruck spekulativer Blasen sind, ist für den gewöhnlichen Anleger unmöglich zu erkennen, zumal verlässliche Daten zu den aufstrebenden Ländern und ihren Unternehmen kaum erhältlich sind. Damit wird das Investment in exotischen Märkten schnell zur unkalkulierbaren Spekulation. Verschärft wird das Risiko noch dadurch, dass Schwellenländeraktien bei allgemeinen Marktkorrekturen traditionell am heftigsten unter die Räder kommen. Wächst der Pessimismus beim Blick auf die US-Konjunktur und die Kursentwicklung an der Wall Street, verkaufen Investoren auch in Schwellenländern, wo die Risiken überdurchschnittlich sind. Aber auch schlechte Nachrichten aus China können schnell eine Verkaufswelle in anderen Schwellenländern auslösen, wie die Korrektur Ende Februar zeigte. Die schnelle Erholung seither darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Nervosität an den Börsen nach vier Jahren Hausse klar zugenommen hat. Und die Gefahr von Rückschlägen steigt mit jedem weiteren Prozent Kursgewinn. Ein Einstieg in exotische Schwellenländermärkte ist in diesem Umfeld eine gefährliche Wette..

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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