Seiteneinsteiger in die Politik
Stunde der Lückenbüßer

Die politische Elite Deutschlands ist in großer Not. Die Volksparteien schaffen es nicht mehr, in den eigenen Reihen fähige Leute für hohe Ämter im Staate zu rekrutieren. Immer öfter schlägt die Stunde der Seiteneinsteiger – allein in diesem noch jungen Jahr schon zweimal.

Nachdem die CDU/CSU den im Volk weithin unbekannten Spitzenbeamten Horst Köhler für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen hat, beruft die SPD-geführte Bundesregierung nun einen im Politmanagement gänzlich unerfahrenen Professor an die Spitze der Deutschen Bundesbank. So unterschiedlich die Ämter und Vorgänge auch sein mögen – beide entlarven erbarmungslos das Mittelmaß unseres parteipolitischen Personals.

Besonders augenfällig ist das in der SPD. Schon mit Welteke stellte sie einen Bundesbankpräsidenten, der sich von Anfang an für das Amt nicht eignete. Besseres aus ihrem Lager haben die Sozialdemokraten kaum zu bieten. Vorbei sind die Zeiten, als die Bundesregierung geldpolitische Autoritäten à la Pöhl und Tietmeyer hervorbrachte. In deren Fußstapfen können die heute amtierenden Staatssekretäre Tacke und Koch-Weser nicht treten.

Diese personelle Schwäche verkleistern Schröder und Eichel nun mit ihrem Verlegenheitskandidaten von der Universität Köln. Dessen geldpolitische Expertise ist zwar unbestritten. Axel Weber muss aber auch den gewaltigen Sprung von der Hochschulassistenten-Kleingruppe an die Spitze einer Behörde mit rund 14 500 Mitarbeitern bewältigen. Und er muss es trotz seiner politischen Unerfahrenheit schaffen, dem oft machtvollen zinspolitischen Drängen der Regierenden Paroli zu bieten.

Die Kompetenz-Lücke in der Politik ist Resultat einer langjährigen Auszehrung. Der Mitgliederschwund macht sich bemerkbar bei den Parteien und auch deren mangelnde Fähigkeit, unabhängige Geister an sich zu binden. Welche intellektuell beweglichen und weltoffenen jungen Leute haben schon Lust, die Ochsentour vom Ortsverein bis zum Bundesvorstand durchzustehen? Wer es dennoch versucht, wird oft genug Opfer von Gleichmacherei und Parteiräson. Wenn die Volksparteien groß bleiben wollen, werden sie daran etwas ändern müssen.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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