Seitenwechsel bei Eliten: Die Rückkehr der Bürgerlichkeit

Seitenwechsel bei Eliten
Die Rückkehr der Bürgerlichkeit

Als Klasse wurde das Bürgertum in Deutschland nach 1945 verabschiedet, als geistiger Orientierungsrahmen findet es seit kurzer Zeit wieder eine ungeahnte Renaissance. Ein Essay über die Neuerlichkeit des Bürgerbegriffs.

Seit einigen Monaten ist viel von einer "neuen Bürgerlichkeit" die Rede. Von der "taz" bis zur "FAZ" schreiben die intellektuellen Wortführer dieser Republik im Dienst einer Renaissance des Bürgerlichen. Mit dem Verfassungsrichter Udo Di Fabio und dem Berliner Historiker Paul Nolte haben sich damit sogar zwei neue "Shooting Stars" in den Feuilletons etabliert. Paul Nolte rief die "Generation Reform" aus und möchte die aus seiner Sicht unpolitischen Mittvierziger zum bürgerlichen Engagement bewegen. Schon seit einiger Zeit wirbt er dabei für das schwarz-grüne Projekt - ein mittlerweile in die Jahre gekommener Intellektuellentraum.

Der ursprünglich links sozialisierte Nolte plädiert für eine inhaltliche Präzisierung konservativer Politik. Dabei hat er die Wiederentdeckung der Familie, der Ethik und der Religion ebenso im Sinn wie "das Bedürfnis der Bürger nach innerer und privater Sicherheit" sowie den Mut zur "Kritik der neuen Massenkultur".

Udo Di Fabio, von der FAS jüngst zum Reformer des Jahres gekürt, avancierte für viele Unionssympathisanten während des Bundestagswahlkampfes zum Hoffnungsträger. In seiner "Kultur der Freiheit" glaubte man das zu erkennen, was Angela Merkel im Wahlkampf mied: ein modernes konservatives Programm, das zu Werten wieder Stellung bezieht, ohne allzu angestaubt zu wirken.

Die beiden vorbildlichen Familienväter und Hochleistungswissenschaftler Nolte und Di Fabio werben fürs Kinderkriegen, für neue Bildungschancen und für die bürgerliche Selbstverantwortung. Ihr Liberalisierungsplan rüttelt erheblich am Wohlfahrtsstaat bundesrepublikanischer Prägung und haucht der etwas blutarmen Formel von der Zivilgesellschaft neues Leben ein.

Wie interessant sind nun die Gedanken, die sich einige Intellektuelle über eine Rückkehr der Bürgerlichkeit machen? Zunächst lässt sich konstatieren, dass der Begriff der Bürgerlichkeit in der geistigen Topographie der Bundesrepublik lange keinen Platz besaß. In den fünfziger Jahren ging die Soziologie von einem Verschwinden des Bürgertums und seiner Werte aus. Das Wirtschaftswunder schien die bisherigen Klassenunterschiede einzuebnen. Die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" (Schelsky) funktionierte im Takt des Konsums.

Im westdeutschen Teilstaat sah der konservative Staatsrechtler Ernst Forsthoff den "paradigmatischen Staat der Industriegesellschaft", der nur noch durch die Verteilung des Bruttosozialprodukts zusammengehalten werde. Die Wertefrage war suspendiert in diesem Staat, der zur geistigen Selbstdarstellung unfähig war; hier herrschte "die am Eigeninteresse orientierte Rationalität". Angesichts dieses technokratischen Staatsverständnisses mussten Politikwissenschaftler wie Dolf Sternberger und Wilhelm Hennis rührend altmodisch wirken. Sternberger wünschte sich schon 1949 ganz zivil, ein Bürger zu sein, und sah in der bürgerlichen Gesellschaft ein "gutes Ziel" - zumal diese auf deutschem Boden bis dato nie verwirklicht worden war.

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