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Seltsame Nachsicht

Lange, sehr lange hat es gedauert, bis Bundesaußenminister Joschka Fischer sich zu einem Schritt entschlossen hat, der seit Jahren, eigentlich Jahrzehnten überfällig ist: Endlich soll im Auswärtigen Amt die Rolle des Hauses während der NS-Zeit und die erschreckend umfangreiche Wiedereinstellung von Nazi-Diplomaten nach dem Ende der Diktatur untersucht werden.

Dass eine solche Untersuchung erst im 60. Jahr nach Kriegsende angeordnet wird, ist ein Trauerspiel, für das sicher Fischers Vorgänger den größeren Teil der Verantwortung tragen. Ein echter Fauxpas ist aber, dass der Grünen-Minister und 68er erst im Jahr 7 seiner Amtszeit auf diese Idee kommt. Viele Unternehmen haben sich dieser heiklen Aufgabe früher gestellt. SPD und Grüne prangern – zu Recht – jeden braunen Flecken auf den Westen von Liberalen und Unions-Politiker an. Wieso sind sie im eigenen Verantwortungsbereich so nachsichtig?

Übrigens betrifft dies nicht nur Fischer, sondern aktuell auch SPD-Verteidigungsminister Peter Struck. Die Bundeswehr hat sich im Gegensatz zum AA aktiv mit der Nazi-Vergangenheit auseinander gesetzt. Doch erst jetzt hat Struck die Umbenennung des nach dem Wehrmachts-Piloten Werner Mölders benannten Jagdgeschwaders 74 angeordnet.

Vorausgegangen war ein administrativer Eiertanz, ob und wie ein aus dem Jahr 1998 stammender Bundestagsbeschluss umgesetzt werden sollte. Danach sollen keine militärischen Einrichtungen mehr nach Personen wie Mölders benannt werden, die Mitglied der Legion Condor waren – der Einheit, die Hitler im spanischen Bürgerkrieg Städte bombardieren ließ.

Je länger die Erfolgsgeschichte der demokratischen Bundesrepublik und der Bundeswehr wird, desto mehr stellt sich die Frage, wieso umstrittene Bezugspersonen aus der Zeit vor 1945 noch gehalten werden. Denn auch ohne damit alle Angehörigen gleich als Kriegsverbrecher abzustempeln: Es lässt sich nicht leugnen, dass sowohl die Wehrmacht wie auch das Auswärtige Amt in der Berliner Wilhelmstraße weitgehend willige Instrumente der NS-Herrschaft waren. Als Vorbilder taugen sie nicht.

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