Sidney Harman im Interview: „Idealbild von Demokratie“

Sidney Harman im Interview
„Idealbild von Demokratie“

Sidney Harman, Gründer des High-Fidelity-Herstellers Harman Kardon, sprach im Interview mit der Wirtschaftswoche über Computer, Design und den Unterschied zwischen analoger und digitaler Welt.
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Mr. Harman, Computer mutieren immer mehr zu Multimedia-Centern. Können Sie sich in Ihrem Alter noch für die komplexe Technik begeistern?

Ja klar, die Entwicklung ist atemberaubend. Allerdings nutze ich meinen PC vor allem für Internet oder E-Mail. Und natürlich überprüfe ich übers Web, wie meine Aktien stehen. Für meine Notizen bevorzuge ich den altmodischen Weg handschriftlicher Aufzeichnungen - oder verwende ein Diktiergerät. Am PC fehlt mir oft der kreative Impuls zum Schreiben. Und natürlich muss man aufpassen, dass der Computer nicht den persönlichen Kontakt zu Menschen ersetzt. Der ist sehr wichtig.

Der Computer schickt sich auch an, die klassische Unterhaltungselektronik zu ersetzen. Mit aller Macht drängen die PC-Hersteller in die Wohnzimmer - und machen Anbietern wie Harman die Kundschaft abspenstig.

Fast alle PC-Anbieter haben sich die Unterhaltungselektronik als Expansionsziel auserkoren, nachdem der Boom ihrer eigenen Branche vorbei ist. Offenbar glauben die: Wer ein Geschäft kennt, kennt alle. Doch wie weit sind sie gekommen? Hewlett-Packard beispielsweise ist grandios gescheitert. Nichts im Leben ist gefährlicher als Arroganz.

Der Markteintritt der IT-Giganten macht Ihnen also keine Sorgenfalten?

Inzwischen nicht mehr. Wir hatten zugegebenermaßen etwas Probleme in der Unterhaltungselektronik-Sparte. Aber die sind überwunden. Im vergangenen Geschäftsjahr hat sie wieder 30 Millionen Dollar verdient. Das macht mich als Gründer des Bereichs natürlich besonders zufrieden.

Was ist schief gelaufen?

Wir hatten Schwierigkeiten, uns auf das neue Wettbewerbsumfeld einzustellen. Aber nun haben wir uns auf unsere Stärke in der Unterhaltungselektronik konzentriert: Produkte zu konzipieren, mit denen Menschen wirklich gerne leben. Das erfordert ein ganz anderes Denken als die Herstellung grauer PCs, vor allem Kreativität und Fantasie.

Wie erklären Sie dann den Erfolg von Apple und dem iPod?

Das ist kein Widerspruch. Im Grunde ist Apple ein Unterhaltungselektronikanbieter, der auch Computer baut. Der iPod hat bewiesen, welche Faktoren für erfolgreiche Technikprodukte entscheidend sind: Die Kunden interessieren sich nicht für Technik und man sollte sie auch nicht weiter damit belästigen. Wichtig ist die einfache, intuitive Bedienbarkeit ...

... und ansprechendes Design.

Das ist richtig - aber auch keine wirklich neue Erkenntnis. Wir haben seit Jahren die Maxime, dass unsere Produkte eine Vermählung von Kunst und Technik darstellen sollen. Deshalb beschäftigen wir neben Technikern eigene Designer und kooperieren mit unabhängigen Design-Firmen, die weltweit über den Globus verteilt sind. Das ist notwendig, da sich die Ansprüche der Kunden in den USA, Europa und Asien unterscheiden.

Sie haben die High-Tech-Industrie mehr als ein halbes Jahrhundert lang begleitet. Wenn Sie zurückschauen, welche Entwicklung hat Sie am meisten beeindruckt?

Eindeutig der Transistor. Er ist die Grundlage für fast alle Technikprodukte, die wir heute nutzen: Die gesamte Halbleiterindustrie basiert auf Transistoren. Ihre Chips wiederum haben den Übergang vom analogen hin zum digitalen Zeitalter erst möglich gemacht, der sich in den vergangenen Jahren vollzogen hat.

Sie kennen beide Welten: Wie würden Sie die Unterschiede zwischen analogem und digitalem Zeitalter beschreiben?

Das Militär oder ein klassisches Orchester sind typische analoge Geschöpfe: Sie funktionieren streng hierarchisch und schreiten linear, das heißt hintereinander abfolgend voran. Ganz im Gegensatz dazu digitale Kreaturen wie etwa eine Basketball-Mannschaft oder ein Jazz-Quintett: Diese agieren flexibel, interaktiv und improvisierend - das ist in meinen Augen übrigens das Idealbild von Demokratie.

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