Siemens-Chef Löscher
Ein perfekter Nobody

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Selten waren die Erwartungen an die Top-Personalie eines deutschen Konzerns so hoch. Nun heißt der neue Siemens-Vorstandsvorsitzende Peter Löscher: ein Nobody an der Spitze dieses deutschen Traditionskonzerns. Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme ist am Sonntag eine perfekte Überraschung gelungen. Alle fragen: Wer ist Peter Löscher? Vor allem aber: Was befähigt den gebürtigen Österreicher, den schwankenden Riesendampfer Siemens wieder auf Kurs zu bringen?

Die Frage lässt sich heute nicht beantworten, so wichtig sie auch sein mag. Internationale Erfahrung Löschers hin, ein Job beim gefürchteten Siemens-Wettbewerber General Electric her: Selbst Cromme, der durch unüberlegtes Handeln den Erwartungsdruck bei Siemens selbst erzeugt hat, wird erst in einigen Monaten wissen, ob er eine richtige Entscheidung getroffen hat.

Unter Zeitdruck hatte Cromme sich selber gesetzt. Weil der Aufsichtsrat sich weigerte, den Vertrag des amtierenden Vorstandschefs Klaus Kleinfeld zu verlängern, entstand ein gefährliches Machtvakuum. Kleinfeld könnte möglicherweise durch den Bestechungsskandal belastet werden, hieß es – könnte. Dieser bedrohliche Konjunktiv gilt allerdings auch für alle anderen langjährigen Führungskräfte im Konzern. Deshalb kam trotz aller Spekulationen auch keine konzerninterne Nachfolgelösung in Frage.

Also blieb von vornherein nur die Suche außerhalb des Konzerns. Doch hat der Aufsichtsratschef wirklich geglaubt, er könne einen großen Namen aus der deutschen Industrie innerhalb kürzester Zeit für Siemens verpflichten? Er glaubte es. Linde-Chef Wolfgang Reitzle war Crommes Favorit. Im Gerangel um Reitzles Abwerbung drohte die Corporate Governance in Deutschland zum Tollhaus zu verkommen. Selbst die Regierung wurde eingeschaltet, um Druck auf den Aufsichtsrat von Linde auszuüben. So geriet die Kandidatensuche bei Siemens zum Lehrstück dafür, wie brisante Personalfragen an der Spitze von Konzernen besser nicht gelöst werden sollten.

Peter Löscher zählt ab 1. Juli 2007 zu den wichtigsten und einflussreichsten Managern der Deutschland AG, obwohl er hier zu Lande fast unbekannt ist. Mit der Ernennung zum Vorstandschef von Siemens übernimmt Löscher nicht nur die Verantwortung für 475 000 Menschen. Löscher muss auch viel zerschlagenes Porzellan reparieren. Der Bestechungsskandal bei Siemens ist noch nicht bewältigt. Er hat das Selbstvertrauen der Mitarbeiter des Technologiekonzerns nachhaltig erschüttert und das Vertrauen der Gesellschaft in verantwortungsvolle Unternehmensführung geschwächt. Nicht weil es Bestechung bei Siemens gab. Solche Fälle kommen auch anderswo vor. Sondern weil es schon jetzt deutliche Hinweise darauf gibt, wie erschreckend leichtfertig das frühere Siemens-Management war.

Vielleicht ist der neue Siemens-Chef Löscher genau deshalb der richtige Mann zur richtigen Zeit: weil er vollkommen unbelastet ist. Und weil daher niemand überhöhte Erwartungen an ihn stellt.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent

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