Siemens: Die neue Kultur des Vertrauens

Siemens
Die neue Kultur des Vertrauens

Seit' an Seit' marschieren sie jetzt in München - Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Bei Siemens haben sich Management, Gesamtbetriebsrat und IG Metall auf einen Beschäftigungspakt geeinigt, der 128 000 Mitarbeitern auf Jahre hinaus die Arbeitsplätze sichert.
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Das Abkommen ist umso bemerkenswerter, als die Gewerkschaft offenbar keine Gegenleistungen versprochen hat.Es schließt nahtlos an den Erfolg an, den die Sozialpartner bei Siemens, aber auch in vielen anderen Unternehmen seit dem Ausbruch der Finanzkrise mit der Kurzarbeit erzielt haben: Hunderttausende Arbeitsplätze konnten erhalten werden, weil Unternehmens- und Arbeitnehmervertreter an einem Strang gezogen haben - freundlich sekundiert vom Staat, der Mittel aus den Sozialkassen beisteuerte.

Den Nutzen hatten die Belegschaften, die von Entlassungswellen verschont wurden - wenn man von vielen Zeitarbeitern absieht, die zum primären Flexibilitätspuffer geworden sind. Die Unternehmen dagegen profitierten gleich zweimal: Ihnen blieben die Kosten erspart, die Massenentlassungen mit sich bringen. Und sie konnten ihre Fachleute an Bord behalten, die sie danach wieder mühsam hätten zusammensuchen müssen. Das hat ihnen im einsetzenden Aufschwung einen Startvorteil verschafft.

Die gemeinsam durchgestandene Krise hat auch Auswirkungen auf das Klima zwischen den Tarifparteien. Die IG Metall etwa zeigt in letzter Zeit ein Augenmaß, für das früher vor allem die Chemiegewerkschaft bekannt war, während die Metaller heftig aufs Blech schlugen. Bei Siemens speziell hat die gemeinsame Bewältigung der Schmiergeldaffäre dafür gesorgt, dass eine neue Vertrauenskultur zwischen den Sozialpartnern entstanden ist. Um zu sehen, wie groß der Fortschritt ist, der hier erzielt wurde, muss man sich vor Augen halten, dass Siemens noch vor wenigen Jahren mit Unternehmensgeldern eine "gelbe" arbeitgebergeneigte Gewerkschaft aufpäppelte, um mit deren Hilfe die IG Metall zurückzudrängen. Jetzt kann Siemens-Chef Peter Löscher offensichtlich darauf vertrauen, dass sein Gegenüber Berthold Huber ihn nicht hängenlässt, falls das Abkommen in einer neuen Krise ausgesetzt werden muss.

Bei den bisher bekannten Beschäftigungspakten sind die Gewerkschaften den Arbeitgebern mit Lohnverzichten oder unbezahlter Mehrarbeit entgegengekommen. Wenn ein solcher Preis bei Siemens jetzt nicht zu entrichten ist, muss das Unternehmen seinen Nutzen woanders finden. Man kann es wohl so sehen: Siemens hebt das erfolgreiche Kurzarbeitermodell auf eine höhere Ebene: Statt einer Sicherung der Arbeitsplätze für einige Monate mit reduzierter Stundenzahl garantiert das Unternehmen die Stellen jetzt für Jahre und mit voller Arbeitszeit. Statt an den kurzwelligen Konjunkturzyklus passt es sich einer größeren, lang laufenden Welle an - dem demografischen Wandel, dessen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sich immer deutlicher abzeichnen.

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