Siemens: Die zweite Front

Siemens
Die zweite Front

Nun ist es passiert: Das US- Justizministerium sitzt im Hause Siemens endgültig mit am Schreibtisch.

Dass der Technologiekonzern offiziell Gelassenheit zur Schau stellt und in seinem aktuellen Zwischenbericht eher beiläufig mitteilte, das Department of Justice habe in der Korruptionsaffäre offiziell ein Verfahren eingeleitet, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Skandal um schwarze Kassen eine neue Qualität bekommen hat. Die USA sind für Siemens längst der wichtigste Einzelmarkt. Erst in der letzten Woche haben die Münchener dort für fast drei Milliarden Euro das renommierte Softwarehaus UGS übernommen. Und ausgerechnet in Amerika steht Siemens nun offiziell wegen Korruptionsverdacht am Pranger.

Rein wirtschaftlich betrachtet, sind die Folgen des Verfahrens zunächst marginal. Denn die formelle Aufnahme von Ermittlungen hat keine direkten Auswirkungen auf die Auftragsvergabe durch den amerikanischen Staat oder auf Engagements institutioneller Anleger. Pensionsfonds können also weiterhin in Siemens-Aktien investieren. In den Empfehlungen der Analysten steht das Siemens-Papier, das gerade einen Höhenflug absolviert hat, denn auch trotz aller Skandale derzeit ziemlich weit oben. Damit honorieren die Märkte Fortschritte beim Konzernumbau und glänzende Quartalsergebnisse. Der Skandal wird noch weitgehend ignoriert. Noch. Denn was nutzen alle guten Zahlen, wenn das Weltunternehmen immer neue Schläge einstecken muss? In der Konzernzentrale steigt jedenfalls die Nervosität. Dort weiß man schließlich, dass es langfristig schwierig und vor allem teuer ist, einen befleckten Namen wieder reinzuwaschen.

Es macht die Sache für Siemens nicht einfacher, dass alle Fragen, die diese Ermittlungen betreffen, mit extremer Vorsicht zu behandeln sind. Gerade das Justizministerium in Washington mag es nämlich gar nicht, wenn über seine Aktivitäten mehr als das absolut Notwendige publik wird. Diese kommunikative Zwickmühle, in der Siemens jetzt steckt, ist symptomatisch. Je länger das Korruptionsverfahren dauert, desto mehr wird das Unternehmen zum Objekt juristischer Ermittlungen, aber auch der publizistischen Begierde. Dies erzeugt auch intern einen Druck, der immer mehr Aufmerksamkeit und Arbeit erfordert. Und dies wiederum beeinträchtigt die Wahrnehmung der eigentlichen Aufgabe des Konzerns: gute Geschäfte zu machen. Dieser Druck macht sich längst schon im Alltag des Unternehmens bemerkbar. Ohne engste Abstimmung mit Dutzenden unabhängigen Ermittlern, zumeist amerikanischen Anwälten und Wirtschaftsprüfern, die im Auftrag des vom Vorstand installierten Prüfungsausschusses das Innenleben des Konzerns durchleuchten, geht keine Botschaft mehr nach draußen.

Dennoch: Panik wäre jetzt ein schlechter Ratgeber. Das lehrt zumindest die Erfahrung bei anderen großen Unternehmen. So steckt auch Daimler-Chrysler in den Fängen der US-Justiz. Der Autokonzern sieht sich bereits seit mehr als zwei Jahren mit einem ähnlich gelagerten Ermittlungsverfahren wegen Korruption konfrontiert. Auch in Stuttgart durchleuchten unabhängige US-Anwälte das Innenleben des Unternehmens. Dass dies den Verkauf von Automobilen nennenswert behindert hätte, ist bislang aber nicht bekannt. Zudem zeigt sich, wie klug es von Siemens war, schon wenige Tage nach der von der Münchener Staatsanwaltschaft durchgeführten Razzia unabhängige Experten mit der Untersuchung der Korruptionsaffäre zu beauftragen und einen ehemaligen deutschen Staatsanwalt an die Spitze der internen Korruptionsbekämpfung zu stellen. All dies kann als eine nützliche, vertrauensbildende Maßnahme interpretiert werden. Denn wahrscheinlich hat die US-Justiz ihre Ermittlungen schon kurz nach dem Bekanntwerden der deutschen Ermittlungen aufgenommen. Und bislang haben die US-Behörden der Aufklärungsarbeit im Hause Siemens offensichtlich vertraut.

Und noch etwas wird deutlich: Für Siemens könnte es sich als Glücksfall erweisen, dass mit Klaus Kleinfeld ein Mann an der Spitze steht, der in Amerika gut vernetzt ist. So war es Kleinfeld, der den renommierten amerikanischen Korruptionsbekämpfer Hershman nach München holte. Damit konnte er demonstrieren, dass er die Aufklärung ernst nimmt. Mögen die Indiskretionen aus dem Kreis der deutschen Ermittler auch suggerieren, Kleinfeld könnte von manchem schmutzigen Geschäft gewusst haben. Bislang ist der gute Ruf des Vorstandschefs aber noch ein Kapital, das sich gerade angesichts der US-Ermittlungen auszahlen könnte.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter
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