Siemens-Geschäfte
Kommentar: Gut für Deutschland

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Da mag die Börse grummeln, wie sie will: Der Doppelschlag von Siemens, den Automobilzulieferer VDO an Continental zu verkaufen und gleichzeitig den US-Medizintechnikhersteller Dade Behring zu übernehmen, ist für die beteiligten Konzerne strategisch sinnvoll und für den Standort Deutschland uneingeschränkt positiv.

Die eigentliche Bedeutung der beiden Multimilliardendeals liegt jenseits der Unternehmensebene. Denn durch die Neuordnung ihrer Geschäfte steigern die beiden Dax-Firmen in enorm wichtigen Märkten signifikant ihre Weltgeltung: Siemens im Wachstumsfeld Gesundheit, Conti in der sich stürmisch konsolidierenden Autozulieferbranche.

Hohes Wachstum

Die Medizintechnik wird in den nächsten Jahren hohe Wachstumsraten aufweisen und steht somit für die in Deutschland nur rar gesäten Zukunftssektoren. Anders die Automobilindustrie: Hier ist die Dynamik zwar geringer, Deutschland dank seiner vom Erfolg verwöhnten Oberklassehersteller aber weltweit führend. Durch die Bündelung von Conti und VDO wird das hiesige System „Automotive“ abgesichert und auf ein stabileres Fundament gestellt.

Kurz: Wir haben es mit einer klassischen Win-win-Situation zu tun. Mag sein, dass die Siemens-Aktionäre auf einen höheren Erlös von VDO spekuliert beziehungsweise den Preis für Dade Behring als überzogen empfunden haben. Der gestrige Kurseinbruch der Aktie lässt dies vermuten. Sie werden aber langfristig von der Konzentration des Münchener Technologiekonzerns auf wachstumsträchtige Geschäftsfelder profitieren.

Der neue Siemens-Chef Peter Löscher hat jedenfalls seine erste Bewährungsprobe mit Bravour bestanden. Er präsentiert sich als Mann der Tat. Und er hat die schwierige Balance zwischen den Forderungen seiner Investoren und den Wünschen der anderen „Stakeholder“ gehalten. Die Gewerkschaften hätten zwar einen Börsengang bevorzugt. Da dieser aber vermutlich rund ein Drittel weniger eingespielt hätte als der direkte Verkauf, war diese Variante der Kapitalseite nicht mehr vermittelbar.

Umgekehrt hätten Beschäftigte und Politik es nur schwer verdaut, wäre Siemens auf das vermutlich höhere Angebot des US-Konzerns TRW, hinter dem das Private-Equity-Haus Blackstone steht, eingegangen. Die Beschäftigten befürchteten, in diesem Konzernverbund einer allzu ungewissen Zukunft entgegenzugehen.

Fehler vermieden

Peter Löscher hat somit den Fehler vermieden, den sein Vorgänger Klaus Kleinfeld in unsensibler Weise mit der Handysparte des Unternehmens gemacht hatte. Sie dem Unterhaltungselektronikhersteller BenQ aus Taiwan zu schenken sollte sich angesichts der späteren Pleite mit Arbeitsplatzverlusten als verheerend für das Image von Siemens herausstellen. Dieses Risiko geht Löscher mit dem Conti-Deal nicht ein. Er beweist damit nach nur wenigen Wochen an der Konzernspitze bereits ein beachtliches politisches Fingerspitzengefühl.

Wo die große Linie derart überzeugt, sollten dennoch die Risiken benannt werden: Siemens muss es schaffen, seine Wette auf die Zukunft zu gewinnen, also die bislang sicheren Erträge der VDO in neue Gewinne der Medizintechnik umzumünzen. Und Conti-Chef Manfred Wennemer steht vor der größten Herausforderung seines Lebens: Er muss ein Unternehmen integrieren, das etwas größer ist als Conti selbst.

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