Siemens
Heilsamer Schock

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Anderthalb Jahre nach der Großrazzia, mit der alles begann, kommt die Siemens-Schmiergeldaffäre dort an, wo sie hingehört: vor einem Strafgericht. Es ist nur ein erster Prozess, viele weitere werden folgen.

Doch schon das Verfahren gegen Reinhard S. wird einen tiefen Einblick geben in das Korruptionssystem, das da bei einem der deutschen Vorzeigeunternehmen aufgebaut wurde. Erschütternd ist vor allem, mit welch krimineller Energie vorgegangen wurde. Denn auf Unwissenheit kann sich hier niemand rausreden. Die Beteiligten wussten, dass sie Unrecht tun. Schließlich wurden die Zahlungsströme mit erstaunlicher Kreativität verschleiert – und das schon zu einem Zeitpunkt, als Auslandskorruption in Deutschland noch gar nicht strafbar war. Für die deutsche Wirtschaft könnte die juristische Aufarbeitung der Siemens-Affäre ein heilsamer Schock sein.

Denn ein Einzelfall ist Siemens mit Sicherheit nicht. Nur die Dimension ist einmalig. Allein in den vergangenen Jahren wurden bis zu 1,3 Milliarden Euro Schmiergeld quer durch alle Branchen und Regionen über die Welt verteilt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 270 Beschuldigte, darunter auch mehrere frühere Zentralvorstände. Ein anonymes Schreiben aus dem Spätsommer 2006 hatte zur Aufdeckung des größten Schmiergeldskandals in der deutschen Wirtschaft geführt.

Wie konnte es zu der Affäre kommen? Ermöglicht hat sie auch die Tatsache, dass Bestechung im Ausland lange Jahre in Deutschland augenzwinkernd als wirtschaftliche Notwendigkeit hingenommen wurde. Anders habe man nun mal in bestimmten Weltregionen keine Geschäfte machen können, lautete die wohlfeile Argumentation. Die Konkurrenz sei ja schließlich auch nicht mit Samthandschuhen unterwegs. So argumentierten dieselben Firmen, die im Ausland Rechtssicherheit für ihre Investitionen forderten und die genau wussten, dass Schmiergeld am Ende von den Kunden bezahlt wird und Gift für die Volkswirtschaften ist.

Erst auf internationalen Druck hin wurde Auslandskorruption in Deutschland Ende der 90er-Jahre verboten. Manches Unternehmen kam da in Schwierigkeiten. Was tun, wenn ein langfristiger Beratervertrag abgeschlossen ist, mit dem Schmiergeldzahlungen oft verschleiert worden sind, und sich während der Laufzeit die Rechtslage ändert? Bei Siemens jedenfalls hat man einfach weitergemacht.

Möglich gemacht hat dies auch eine verfehlte Unternehmens- und Führungskultur. Reinhard S. wurde laut Anklage von seinem direkten Vorgesetzten in das System eingeführt, das er dann kräftig ausgebaut hat. Zwar haben längst nicht alle Siemens-Spitzenmanager von dem Schmiergeldsystem gewusst. Das aber spricht auch nicht für das Führungssystem.

Der neue Siemens-Chef Peter Löscher hat Konsequenzen gezogen. Früher waren die Zentralvorstände des Konzerns als sogenannte Betreuer für die einzelnen Geschäftssparten verantwortlich. Also als eine Art Tutor, der weit weg war vom Tagesgeschäft. Damit ist nun Schluss. Konzernvorstände sind künftig direkt für das operative Geschäft verantwortlich. Niemand soll mehr sagen können, er habe nichts gewusst.

Das gilt im Übrigen für die gesamte deutsche Wirtschaft. Der Fall Siemens zeigt auf dramatische Weise, dass die Verbesserung der Compliance nicht nur eine ethische, sondern auch knallhart betriebswirtschaftliche Notwendigkeit ist. Rund zwei Milliarden Euro haben die Verfehlungen den Konzern bisher gekostet. Die Summe erhöht sich täglich. Zudem droht in den USA eine drakonische Strafe durch die Wertpapieraufsicht, außerdem ein Ausschluss von öffentlichen Aufträgen.

Hilfreich im Kampf gegen die Korruption könnte aber vor allem sein, dass es zunehmend den Managern selbst an den Kragen gegangen ist. Frühere Siemens-Vorstände mussten mehrere Nächte in Untersuchungshaft verbringen, der alten Führung drohen zudem millionenschwere Geldbußen und Schadensersatzforderungen. Auch Reinhard S. wird sich im Münchener Schwurgericht einmal mehr denken, dass sich Korruption nicht lohnt. Ihm droht im schlimmsten Fall eine Verurteilung zu fünf Jahren Gefängnis.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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