Siemens
Knifflige Frage

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Als die Schmiergeldaffäre bei Siemens ihren Anfang nahm, sprachen Konzern und Staatsanwaltschaft von einer kleinen Bande krimineller Einzelpersonen, die da offenbar gegen Gesetz und gute Sitten verstoßen haben. Anderthalb Jahre später weiß man: Das System schwarzer Kassen hatte weite Teile des Unternehmens durchdrungen, es gab Mitwisser bis ins höchste Führungsgremium. Wenn nun mit Uriel Sharif ein weiterer ehemaliger Zentralvorstand ins Visier der Ermittler gerät, ist das eher interessantes Detail denn Sensation. Bei Siemens haben nicht Einzelne versagt, sondern das Kollektiv.

So bleibt als spannendste Frage, ob der einstige „Mr. Siemens“, Heinrich von Pierer, auch in die schmutzige Affäre verstrickt ist. Abschließende Klarheit haben die letzten Spekulationen nicht gebracht. Beweise hat bisher niemand bei von Pierer gefunden. Hinweise auf Schmiergeldfälle hatte es bei Siemens über all die Jahre zwar immer wieder gegeben. Ab wann Vorstand und Aufsichtsrat aber ein System darin hätten erkennen müssen, bleibt eine knifflige Frage. Vielleicht kann nicht einmal die Justiz sie klären.

Der neue Siemens-Konzern hat sein Urteil über von Pierer dennoch gefällt – ganz unabhängig von der Aufarbeitung durch die Gerichte. Entweder hat der langjährige Vorstandschef von den schmutzigen Geschäften gewusst – oder sie gar gefördert. Dann werde die Staatsanwaltschaft eines Tages fündig werden. Anti-Korruptionsvorstand Peter Solmssen deutete bereits an, dass man dann auch keine Scheu vor großen Namen haben und auch gegen von Pierer Ansprüche geltend machen werde.

Bisher liegen der Staatsanwaltschaft keine konkreten Hinweise auf eine Verstrickung von Pierers vor. Die Schlussfolgerung aber ist, dass der langjährige Vorstandschef nichts davon mitbekommen hat, was da in seinem Reich vor sich ging. Förderlich für seinen Ruf ist diese Erkenntnis auch nicht.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München

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