Siemens
Kommentar: Außer Kontrolle

Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender eines der führenden Industriekonzerne dieser Welt, wird öffentlich demontiert. Autorität und Macht des Siemens-Chefs zerbrechen in atemberaubendem Tempo. Kaum hat Übervater Heinrich von Pierer seine Demission eingereicht, geht es Kleinfeld an den Kragen. Er kann sich nicht mehr halten, zu sehr hat ihn sein Aufsichtsrat düpiert. Wenn Kleinfeld noch etwas selbst bestimmen will, dann tritt er ab – schnell und freiwillig.

Doch ist die Frage erlaubt, was der Mann eigentlich falsch gemacht hat. Sicher, im verdeckt geführten Machtkampf mit von Pierer hat er unglücklich taktiert, auch im Umgang mit den Gewerkschaften. Allerdings hatte er angesichts der Machtverhältnisse im Hause Siemens von vornherein schlechte Karten.

Blickt man auf die Rentabilität des Konzerns, sieht Kleinfelds Bilanz von zwei Jahren als Vorstandschef so schlecht nicht aus. Und das Argument, nur ein neuer Chef könne das vom Bestechungsskandal gebeutelte Unternehmen in ruhiges Fahrwasser lotsen, trifft auch andere Akteure: Kleinfelds Kontrolleure Josef Ackermann und Gerhard Cromme sitzen schon vier Jahre im Siemens-Aufsichtsrat. Was Kleinfeld eindeutig fehlt, sind das Charisma eines Konzernführers, die Vision eines großen Industriestrategen. Dieses Defizit aber war bei seiner Bestellung zum Vorstandschef bekannt.

Siemens hat nicht nur ein Problem Kleinfeld. Der Gigant steckt in einer Führungskrise von erschreckendem Ausmaß. Sie stellt selbst die Aufdeckung des Skandals um schwarze Kassen in den Schatten. Dabei sah es gerade erst so aus, als könne Cromme, das nationale Gesicht der Corporate Governance und der erste Nicht-Siemensianer an der Spitze der Aufseher, eine neue Ära einleiten.

Doch Cromme hat seinen Chefposten in München noch gar nicht angetreten, da könnte sich schon ein gewaltiger Patzer abzeichnen. Kleinfeld soll gehen, aber es steht kein Ersatz bereit. Eine Rumpf-Aufsichtsratsspitze, bestehend aus dem stellvertretenden Vorsitzenden Ackermann und dem designierten Vorsitzenden Cromme, ist offenbar der Versuchung erlegen, das kurze Vakuum bis zu der ordentlichen Sitzung am heutigen Mittwoch für strategische Weichenstellungen zu nutzen, indem sie einen neuen Vorstandschef sucht.

Wenn Cromme und Ackermann aus dem Stand keinen Nachfolger für Kleinfeld präsentieren, kann es peinlicher nicht werden. Von Kleinfeld, der die Rückendeckung seines Aufsichtsrats nicht mehr hat, würde verlangt, vorerst weiterzumachen. Profis wie Ackermann oder Cromme hätten sehen müssen, dass das nicht geht. Einen neuen Topmanager für Siemens findet man nicht über Nacht. Und es gibt – siehe Telekom – schlechte Beispiele im eigenen Land, wie man es nicht machen sollte. Vor Jahren wurde Ron Sommer als Vorstandschef kurzerhand gefeuert. Die Suche nach einem Nachfolger dauerte quälende Monate. Sie endete mit einem ebenfalls gescheiterten Kompromisskandidaten. Das hätte vor allem Cromme Warnung sein sollen. Schließlich kennt er Sommer gut genug.

Der Ex-Stahlmanager tritt als Aufräumer in München an. Das schlimmste Chaos könnte er selbst angerichtet haben.

Dieter Fockenbrock
Dieter Fockenbrock
Handelsblatt / Chefkorrespondent
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