Siemens
Kommentar: Eine Erlösung

Die aufgehende Sonne, mit der die IG Metall einst für die 35-Stunden-Woche kämpfte, hat erkennbar an Strahlkraft verloren. Immer mehr Unternehmen vereinbaren mit ihren Beschäftigten längere Arbeitszeiten, teils unter Mitwirkung der Gewerkschaft, teils von dieser stillschweigend geduldet.

Seit gestern reihen sich die Siemens-Werke in Kamp-Lintfort und Bocholt in diesen Trend ein. Es ist ein Erfolg für Siemens-Chef Heinrich von Pierer und eine Erlösung für die Beschäftigten. Ihre Arbeitsplätze werden nicht nach Ungarn verlagert, die 40-Stunden-Woche ist dafür ein zu ertragender Preis.

Wer allerdings glaubt, der Kompromiss bei Siemens markiere den Untergang der 35-Stunden-Woche in Deutschlands wichtigstem Industriezweig, der irrt. Die Vereinbarung mit der Gewerkschaft beruht zwar auf einem Tarifabschluss, der seit Februar erstmals in der Metallindustrie Abweichungen vom Flächentarif auch ohne wirtschaftliche Not erlaubt. Doch dieses Tor zu mehr Flexibilität bei Lohn und Arbeitszeit öffnet sich den Unternehmen nur dann, wenn sie im Gegenzug ordentlich Geld in die Hand nehmen. Sie müssen wie Siemens Investitionen versprechen. Das fordert nicht nur die IG Metall. Auch der Arbeitgeberverband hat seinen Anspruch aufgegeben, den Flächentarif großzügig für längere Arbeitszeiten zu öffnen. Es gehe nur um Einzelfälle, wird bei Gesamtmetall betont.

Damit herrscht wieder business as usual in der Metallindustrie, nachdem es bei der Tarifrunde Anfang des Jahres kurzzeitig so aussah, als würden die Arbeitgeber den Ausbruch aus dem Tarifkorsett wagen. Wie so oft bleibt die Probe, ob wir soziale Besitzstände geänderten Bedingungen anpassen können, der Politik vorbehalten. Ende des Jahres verhandeln Bund, Länder und Gemeinden über längere Arbeitszeiten im öffentlichen Dienst.

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