Siemens
Kommentar: Hehre Werte, krude Realität

Wir engagieren uns für eine bessere Welt. Integrität bestimmt den Umgang mit unseren Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Aktionären. Das sind Sätze aus dem offiziellen Leitbild von Siemens. Welch krasser Gegensatz besteht zwischen diesen hehren Werten und den Nachrichten, mit denen der Weltkonzern aus München derzeit die Öffentlichkeit konfrontiert!

Spätestens seit der Verhaftung des Zentralvorstands Johannes Feldmayer in dieser Woche ist klar, wie weit Anspruch und Realität bei Siemens auseinander klaffen. Schmiergelder und schwarze Kassen passen einfach nicht zusammen mit „corporate responsibility“ und „business values“. Der tiefe Fall des Vorzeigekonzerns ist deshalb so schmerzlich, weil sich Siemens ähnlich wie BP den Anstrich eines Unternehmens verpasst hat, das weltweit vorbildlich Verantwortung übernimmt. Der Anspruch darf ruhig eine Nummer kleiner sein, muss dann aber auch eingelöst werden.

Auch Mitglieder des obersten Siemens-Führungszirkels sind offenbar in den Skandal verwickelt. Sie haben nicht nur die von ihnen selbst gepredigten Prinzipien mit Füßen getreten, sondern scheinen sogar mit dem Gesetz in schweren Konflikt geraten zu sein. Deklarationen und Mission-Statements zu korrektem und verantwortungsvollem Handeln scheinen einfach nur ein Rauchvorhang gewesen zu sein.

Diese Wandlung vom Muster- zum Prügelknaben haben in der Vergangenheit auch andere Unternehmen erlebt. Besonders bemerkenswert ist der Absturz des sich strikt umweltfreundlich gebenden Ölkonzerns BP. Marode Pipelines und explodierende Raffinerien haben das grüne Image des Energiegiganten in den letzten Monaten zerlegt, und zwar nachhaltig. Wie passt es zusammen, die Verantwortung gegenüber Mensch und Natur zu predigen, sich aber in der Realität einen Kehricht um die Sicherheit für die Mitarbeiter und das Ökosystem zu scheren?

Unternehmenslenker müssen umdenken. Es reicht nicht aus, mit schicken Kampagnen das Image der Company aufzupolieren. Die inneren Werte müssen stimmen. Effiziente Regeln der Corporate Governance unterstützen dieses Ziel, sie reichen aber nicht aus. Ethik lässt sich nur sehr bedingt über verbindliche Regeln erzwingen. Es bedarf vielmehr einer tief verwurzelten Unternehmenskultur, die von der Spitze bis in die Glieder verankert sein muss. So etwas Großes entsteht aber nicht von heute auf morgen. Und es entsteht auch nur unter Chefs mit großem Profil und Charakter.

Daran aber mangelt es in den Vorstandsetagen, nicht nur in Deutschland. Die Kriterien bei der Auswahl der Top-Manager sind nun einmal andere: Ergebnisorientierung, Durchsetzungsfähigkeit und intellektuelle Kapazitäten spielen eine viel größere Rolle als ethische Ansprüche und menschliche Qualitäten. Kurzfristig mag dies die richtige Messlatte sein, langfristig birgt es große Risiken.

Ein Letztes: Konzernlenker sollten nur realistische Erwartungen in Sachen Ethik wecken, die aber auch erfüllen. Es ist nicht sinnvoll, Unternehmen zu heroisieren. Das aber passiert oft. Gerade Siemens geriert sich gern als Lösung für die Probleme der Welt. Dabei würde es ausreichen, mit guten Produkten gutes Geld zu verdienen. Und keine Gesetze zu brechen.

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