Siemens
Kommentar: Pervertierte Mitbestimmung

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Wilhelm Schelsky spricht klare Worte. Die angeblich unabhängige Arbeitnehmerorganisation AUB ist nach seinen Angaben einzig und allein ein Vehikel des Siemens-Vorstandes gewesen. Zentrale Aufgabe der AUB war es danach, einen Gegenpol zur mächtigen IG Metall zu bilden. Und das Geld dafür kam fast ausschließlich aus der Konzernschatulle. Schelsky war der Abgesandte des Unternehmens, der die AUB auf Kurs hielt und nach den Wünschen der Konzernführung formte. Die gesamte Arbeitnehmervertretung innerhalb des Konzerns sollte damit besänftigt und ruhig gestellt werden.

Ein ähnliches Verfahren zur besonderen Betreuung der Arbeitnehmerseite war schon aus einem anderen Konzern bekannt geworden: bei Volkswagen. In Wolfsburg ist es auch ein Vorstandsmitglied gewesen, das Geld des Unternehmens für zwielichtige Zwecke freigab. Für aufwendige Reisen und – besonders spektakulär – für die Betreuung der Betriebsräte durch Prostituierte. Das ist die Parallele zu Siemens: Damit wollte sich der VW-Vorstand das Wohlgefallen der eigenen Betriebsräte erkaufen, da sie auf Grund der Mitbestimmung im Aufsichtsrat ein echter Machtfaktor sind. VW-Personalvorstand Peter Hartz hat für diese Veruntreuung von Konzerngeldern inzwischen die strafrechtliche Quittung bekommen und ist von einem Gericht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.

Siemens hat sich zu den neuen Vorwürfen Schelskys noch nicht geäußert. Doch nach dem, was schon in den vorangegangenen Monaten über die Rolle der AUB bekannt geworden war, gibt es keinen Grund, an den Äußerungen Schelskys zu zweifeln. Und deshalb kann es für den Münchener Konzern nur eine Konsequenz geben: Schnellstens für eine vollständige Aufklärung des AUB-Skandals zu sorgen und sich sofort von den Verantwortlichen zu trennen, die dieses pervertierte System der betrieblichen Mitbestimmung bei Siemens eingeführt haben.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie

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