Siemens
Vertrauen weg

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Siemens-Chef Peter Löscher hat der Alltag eingeholt. Für mehr als 900 Millionen Euro absehbare Verluste – vor allem im Kraftwerksgeschäft – muss sein Konzern Vorsorge treffen. Das wird Folgen auch fürs Jahresergebnis haben.

Den Anlegern ist diese Meldung auf den Magen geschlagen, sie sind konsterniert. Derart heftig hat kaum ein deutsches Vorzeige-Unternehmen in letzter Zeit Vertrauen verspielt. Knapp zehn Milliarden Euro lösten sich binnen Minuten an der Börse in Luft auf – an einem Tag, wo Aktien international ohnehin auf Talfahrt waren.

Es wird einige Zeit dauern, bis sich Siemens und die Aktie von diesem Montagsschocker erholt haben. Auch Konzernchef Löscher dürfte das Lachen vergangen sein. Denn die gestrige Gewinnwarnung ist trotz aller Erklärungsversuche eine schlechte Überraschung zur denkbar ungünstigsten Zeit.

Auf den ersten Blick grenzt es an Ignoranz, an einem Tag, an dem die Märkte weltweit unter der Bankenkrise zittern, eine derartige Gewinnwarnung in die Welt zu schicken. Das war politisch mehr als unklug, dafür politisch allerdings außerordentlich korrekt. Denn wer in dem Wirrwarr dieses Montags einen klaren Kopf bewahrt hat, muss der Ernsthaftigkeit des neuen Siemens-Vorstands zumindest Respekt zollen.

Seit Monaten spricht der Konzernchef davon, dass es Probleme im Kraftwerksbau gibt, im letzten Quartalsbericht war davon schon die Rede. Darum auch ist die Konzernrevision ans Werk gegangen. Sie ist vor wenigen Tagen zu schockierenden Ergebnissen gekommen. Nun hat Löscher der Pflicht gehorcht und gemeldet. Insofern spricht die Mitteilung dafür, dass es Löscher mit der von ihm selbst propagierten „Wahrheit und Klarheit“ ernst meint, auch wenn es für ihn selbst sehr unangenehme Wahrheiten sind.

Dabei gilt festzuhalten, dass die Probleme in ihrer Substanz nicht nur hausgemacht sind, sie entstammen einer anderen Ära, teilweise reichen sie noch in die Regentschaft Heinrich von Pierers zurück. Auch die Rekordmeldungen, mit denen Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld seinen Abgang schmückte, erscheinen nun in etwas anderem Licht.

Der Löwenanteil der Verluste stammt aus Aufträgen für schlüsselfertige Kraftwerke. Hier hat der Konzern schlicht über seine Verhältnisse gelebt. Es hakt im Projektmanagement, es klemmt bei den Arbeitskräften, es mangelt an Ingenieuren. Hinzu kommen die drastischen Preissteigerungen bei Rohmaterial und Zulieferprodukten. Während Siemens so mit seinen eigenen Turbinen Traumrenditen erzielt, sind die Erträge im Projektgeschäft im Keller. Es spricht für die Robustheit des gesamten Energiegeschäfts, dass der neue Sektorchef Wolfgang Dehen dennoch an einer Ergebnismarge von sieben bis neun Prozent festhält und das vom Konzernchef extrem hochgesteckte Ziel von elf bis 15 Prozent für das Jahr 2010 bestätigt hat.

Insofern sind die Probleme im Bereich Bahntechnik für die Siemens-Führung vielleicht noch ärgerlicher. Dass der Pannenzug Combino noch einmal mit gut 200 Millionen Miesen ins Kontor schlägt, hätten sich selbst Pessimisten nicht ärger ausdenken können. Seit Monaten, ja Jahren reden die Siemens-Verantwortlichen über Effizienz und Verlässlichkeit in der Bahntechnik -es hat offenbar nichts genutzt.

Beim Combino rettet Siemens womöglich nur das Prinzip Hoffnung. Im Geschäft insgesamt bleibt es dabei, dass der Konzern vom langfristigen Trend zur urbanen Weltgesellschaft überdurchschnittlich profitiert.

Insofern wird das neue Management jetzt beweisen müssen, was in ihm steckt. Siemens’ neues Führungsprinzip soll für persönliche Verantwortlichkeit sorgen. Auch deshalb hat der Konzern die für die Schieflagen verantwortlichen Bereichsvorstände zu Jahresanfang von ihren Aufgaben entbunden. Fest steht, dass die Neuen – der ehemalige VDO-Chef Dehen im Sektor Energie und der Chef des Mega-Sektors Industrie, Heinrich Hiesinger – vor bedeutenden Herausforderungen stehen. Sie haben Altlasten zu entsorgen und gleichzeitig Ziele zu erreichen, mit denen Löscher die mutigen Vorgaben seines Vorgängers noch einmal toppen will. Angesichts der sich verdüsternden Weltwirtschaft könnte daher so mancher Topmanager mächtig außer Atem geraten.

Die vielleicht spannendste Frage aber ist damit noch nicht gestellt. Warum hat es so lange gedauert, bis Klarheit herrscht in Siemens’ Problembereichen? Finanzchef Joe Kaeser wird sich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Selbst die größten Turbulenzen des Schmiergeldskandals hat er gemeistert. Nun steckt er persönlich ausgerechnet mit seiner Kernaufgabe, den Zahlen, in einer Vertrauenskrise.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Hardt
Handelsblatt / Ressortleiter

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