Sittenkodex der „Tube“
No sex please, we are British!

Moral und Anstand sah die Londoner U-Bahngesellschaft in Gefahr: Wegen eines Posters mit der 500 Jahre alten Venus von Cranach.
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Zugegeben, eine Burka ist das hauchzarte Gewebe nicht gerade, das sich Lucas Cranachs „Venus“ vor die Scham hält. Aber rechtfertigt das schon, dass die Londoner U-Bahn-Verwaltung die Ausstellungsposter der Royal Academy mit einer Abbildung der Nackten als zu riskant aus der U-Bahn verbannen wollte?

Cranachs 500 Jahre alte Venus entspräche nicht dem Schamhaftigkeitsstandard der U-Bahn, urteilte „Transport for London“ und berief sich auf eine Fürsorgepflicht für zarter besaitete Gemüter. Wer diese seien, wollte der Sprecher nicht sagen. Der Sittenkodex der U-Bahn verbiete eben nun einmal die Darstellung von „Männern, Frauen und Kindern in sexuellem Kontext“. Dabei ist die Venus ganz allein auf dem Poster.

Gerade rechtzeitig haben die Moralhüter eingesehen, in welches Fettnäpfchen sie treten wollten – auch wenn der Aufschrei noch nicht so groß war wie beim Vorschlag des Erzbischofs von Canterbury, Teile der Scharia einzuführen.

Prägnant beleuchtet eine britische Denkfabrik die herrschende Verwirrung. Sie identifzierte, just als die Cranach-Venus verbannt werden sollte, den „Verlust kulturellen Selbstvertrauens“ als die Achillesferse der Briten. Großbritannien sei eine fragmentierte, postchristliche Gesellschaft, ohne sicheres Bewusstsein ihrer Geschichte, ihrer Werte, ihrer Identität. Deshalb falle die Verteidigung gegen Extremismus schwer. Ein völlig „ungebrochenes Selbstbewusstsein“ hätten jedoch viele, die Integration verweigern.

Vielleicht haben die U-Bahn-Moralwächter das gelesen und dann ihren Rückzieher gemacht. Ein Altmeistergemälde sei eben doch etwas anderes, meinte reuig der Sprecher. Damit fängt es an: dass man weiß, was man an einem alten Cranach hat.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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