Situation im Irak
Allein in Bagdad

Im Irak herrscht Krieg. Und zwar keiner, der sich mit Flugzeugträgern und Cruise Missiles gewinnen lässt, sondern ein schmutziger, hinterlistiger Guerillakrieg. Wenn die USA ihre bisherige Strategie im Irak nicht überdenken, werden sie diesen Krieg verlieren.

Vor fast vier Monaten erklärte US-Präsident George W. Bush den Krieg im Irak für beendet. Die jüngsten Bombenanschläge in Bagdad und anderswo im Irak dürften auch ihn vom Gegenteil überzeugen. Im Irak herrscht Krieg. Und zwar keiner, der sich mit Flugzeugträgern und Cruise Missiles gewinnen lässt, sondern ein schmutziger, hinterlistiger Guerillakrieg. Wenn die USA ihre bisherige Strategie im Irak nicht überdenken, werden sie diesen Krieg verlieren. Leidtragende wären auch die Europäer.

Mit ihren Anschlägen auf die Öl- und Wasserversorgung, die jordanische Botschaft und jetzt auf das Uno-Hauptquartier wollen die Untergrundkämpfer Chaos und Schrecken verbreiten. Die Supermacht USA soll vorgeführt, frustriert und zermürbt, internationale Hilfsorganisationen sollen abgeschreckt werden. Wie wollen die Amerikaner die Herzen der Iraker gewinnen, wenn sie sich selbst wie in Bagdad einmauern, aber weder Sicherheit und Ordnung noch Versorgung mit Strom und Wasser gewährleisten können?

Notwendig sind zunächst mehr und andere Truppen und Polizisten im Irak. Da die USA weder in ausreichender Zahl darüber verfügen, noch die damit verbundenen Kosten auf Dauer allein tragen können und wollen, müssen sie ihre Strategie ändern und die Völkergemeinschaft um Hilfe bitten.

Bush muss über seinen Schatten springen und den Anspruch alleiniger Kontrolle über den Irak aufgeben. Nur ein breiteres, echtes Uno- Mandat wird Länder wie Frankreich und Deutschland dazu bewegen, die USA zu unterstützen. Die letzte Resolution des Uno-Sicherheitsrates reicht dafür nicht aus. Die Völkergemeinschaft muss vielmehr beim politischen und wirtschaftlichen Neuaufbau des Iraks mitbestimmen können.

Eine stärkere Rolle der Uno liegt auch im Interesse von Bush, wenn er ein politisches Desaster vermeiden will. Bereits jetzt wächst die Unzufriedenheit der Amerikaner wegen der täglichen Opfer und wachsenden Kosten im Irak – eine Stimmungslage, die sich der Präsident im Wahljahr 2004 nicht leisten kann.

Sollten die USA die bittende Hand reichen, müssen die Europäer zugreifen. Trotz aller Vorbehalte gegen den Krieg haben sie jetzt größtes Interesse am Erfolg der USA im Mittleren Osten. Der Irak liegt vor ihrer Haustür, und der Anschlag auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad richtete sich gegen die gesamte Völkergemeinschaft.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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