Software
Analyse: Ernstfall Linux

Das Computer-Betriebssystem Linux hat die Flegeljahre hinter sich. Mehr noch, Linux steht wahrscheinlich am Beginn einer großen Karriere. Was Anfang der neunziger Jahre als studentisches Übungsprojekt des Finnen Linus Thorwald begann, hat sich inzwischen zu einer Softwaretechnologie entwickelt, die sich anschickt, dem Branchenriesen Microsoft Zukunftsmärkte streitig zu machen.

Denn es sind längst nicht mehr nur Universitäten, die eine kostengünstige Alternative für den Betrieb von Netzwerkrechnern suchen. Die wirtschaftliche Krise hat dem Interesse der Unternehmen an dem freien Betriebssystem in den vergangenen zwei Jahren enormen Auftrieb verschafft und es zu einer Grundlage für wichtige Unternehmensanwendungen wie SAP oder Zahlungssysteme geadelt.

Angeblich erwägen derzeit sogar zwei internationale Großbanken, Linux auf mehr als 100 000 PC-Arbeitsplätzen einzusetzen. Das würde die – im internationalen Maßstab – übertriebene Euphorie der Deutschen über die Entscheidung der Stadt München für Linux und gegen Microsoft nachträglich rechtfertigen. Doch Linux muss erst noch zeigen, ob es wirklich das halten kann, was sich viele Microsoft-Müde davon versprechen: bessere Software zu einem günstigeren Preis.

Manches spricht dafür: Ein unbestreitbarer Vorteil von Linux gegenüber Microsoft bleibt sein offener Quellcode – der in Programmiersprache geschriebene Bauplan der Software. Er kann von jedem eingesehen werden, also nicht nur von den rund 400 000 Linux-Softwareentwicklern, sondern auch von Hackern in aller Welt. Diese helfen, wenn auch ungewollt, Schwachstellen und Sicherheitslücken zu erkennen und zu schließen, noch bevor der neue Programmteil zur offiziellen Linux-Software wird.

Doch das Modell birgt auch Risiken: Bislang wurden viele Tausend Entwicklungsstunden für Linux unentgeltlich von Freiwilligen erbracht. Dazu kommen Programmcode-Spenden von Unternehmen wie etwa IBM, Sun oder Hewlett- Packard. Sollte sich nun herausstellen, dass mit Linux doch das große Geld verdient werden kann, ist die Gefahr groß, dass dieses solidarische Vorgehen schnell beendet wird und sogar in Enttäuschung umschlägt.

Auch ist es ein gängiges Missverständnis, dass das Betriebssystem Linux kostenlos ist. Es entfallen lediglich die Lizenzkosten, die beim Einsatz von kommerziellen Computerbetriebssystemen wie Microsoft Windows oder Unix anfallen. Nicht kostenlos sind dagegen sowohl die mit der Installation und der Pflege verbundenen Dienstleistungen als auch die Anwendungsprogramme – von einzelnen Programmen wie der Bürosoftware OpenOffice einmal abgesehen.

Genau dort setzt das Geschäftsmodell von Softwarefirmen wie dem börsennotierten US-Branchenführer Red Hat Linux oder dem deutschen Konkurrenten Suse Linux an: Statt Lizenzeinnahmen zu bezahlen, sollen die Kunden für regelmäßige Wartung und Beratung das Portemonnaie öffnen. Auch die hinter den Linux-Spezialisten stehenden IT-Konzerne, allen voran IBM, fördern Linux nicht aus reiner Liebe zur Open-Source-Bewegung, sondern auf Grund handfester wirtschaftlicher Interessen: dem Ziel, dem wachsenden Kundenstamm die entsprechenden Dienstleistungen für die Umstellung und Integration ihrer IT-Systeme zu verkaufen.

So steht zu befürchten, dass Linux im kommerziellen Einsatz der nächsten Jahre seinen Nimbus als „Robin Hood“ im Kampf gegen Microsoft verlieren wird. Die Kunden werden feststellen, dass ihre Ausgaben für neue Software und deren Verwaltung auch ohne Microsoft-Produkte Geld kostet. Und der Tag wird kommen, an dem es für Hacker und Programmierer von Viren attraktiv sein wird, das Betriebssystem Linux mit derselben Vehemenz zu attackieren, wie das bei Microsoft der Fall ist.

Eines aber hat Linux bereits geschafft: Die Alarmlampen stehen im Microsoft-Hauptquartier inzwischen auf Rot. Denn der wirtschaftliche Erfolg des größten Softwareunternehmens der Welt basiert derzeit auf zwei Produkten: dem Betriebssystem Windows und der Bürosoftware Office. Schafft es Linux, sich auch als Betriebssystem auf dem PC zu etablieren, wird Microsoft die Preise für Windows kräftig senken müssen. Da Office nicht mit Linux genutzt werden kann, stellt sich Umsteigern dann die Frage nach Alternativen.

Microsoft wird jedoch nicht tatenlos zusehen, wie seine Gewinnquellen zu einer „Commodity“ verkommen. In Redmond verfügt man über ausreichend Rücklagen, um die besten Softwareentwickler einzustellen und Linux einen harten Qualitätswettbewerb zu liefern. Das Positive: Die Konkurrenz wird das Geschäft beleben, und davon werden letztlich die Kunden profitieren.

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