Spanien
Kleiner Kater

Spanien erwacht aus dem Bau- und Konsumrausch. Der fast unvermeidlich folgende Kater breitet sich schnell in der Wirtschaft aus.
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Erstmals seit vielen Jahren wuchs die spanische Wirtschaft im letzten Quartal mit nur 0,3 Prozent langsamer als der Durchschnitt im Euro-Raum. Doch die Blue Chips sind von der beginnenden Krise sehr viel geringer betroffen als von vorherigen Konjunkturdellen. Und für den Rest bietet sich eine Chance für Reformen.

Die großen spanischen Unternehmen haben das Ende des Booms seit Jahren vorhergesehen und vorgebeugt. Sie haben die hohen Einnahmen der letzten Jahre genutzt, um sich geografisch stark zu diversifizieren und vom Heimatmarkt abzukoppeln. Und sie fahren derzeit endlich die Ernte ihrer traditionell starken Bindung an Lateinamerika ein.

So leidet der spanische Börsenindex Ibex, der die 35 Unternehmen mit der größten Börsenkapitalisierung zusammenfasst, bisher wenig unter dem Konjunktureinbruch in Spanien. Die Unternehmen des Ibex 35 verdienten im ersten Quartal dieses Jahres 17 Prozent mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum. Das ist zwar deutlich weniger als das Gewinnwachstum im ersten Quartal 2007, aber mehr als im vergangenen Gesamtjahr. Der Umsatz, in dem außerordentliche Erträge nicht zu Buche schlagen, stieg im ersten Quartal sogar um knapp 19 Prozent.

Für das gute Ergebnis sind vor allem Lateinamerika, aber auch andere Auslandsaktivitäten der Blue Chips verantwortlich. Die fünf größten Unternehmen des Ibex machen mindestens ein Drittel ihrer Gewinne und Umsätze in Lateinamerika, einige sogar die Hälfte. Auch viele der restlichen Ibex-Unternehmen haben ein kräftiges Standbein in den Ex-Kolonien.

In der Vergangenheit hat das Engagement in Lateinamerika den Spaniern oftmals Scherereien bereitet. In den Jahren 2002 und 2003 etwa, in den Nachwehen der traumatischen argentinischen Abwertung, fanden die Konzerne eine völlig andere Situation als jetzt vor. Damals nahm Spaniens Wirtschaft ihre Rolle als Wachstumsmotor der Euro-Zone auf. Doch gleichzeitig fiel die spanische Börse binnen 16 Monaten um 36 Prozent. Dafür waren vor allem hohe Verluste der Börsengiganten Santander, BBVA, Telefónica und Repsol in Lateinamerika verantwortlich.

Doch jetzt ist Südamerika eine der Regionen, die am wenigsten von der internationalen Finanzkrise betroffen sind und am meisten von den hohen Rohstoffpreisen profitieren. Zudem hat sich eine Reihe von Ländern, vor allem Brasilien, stabilisiert und ist nicht mehr so anfällig für externe Schocks wie in den 90er-Jahren.

In den letzten Jahren haben die Spanier zudem Europa sowie die USA und Asien als Investitionsstandorte entdeckt. Größter Wachstumsmotor der Ibex-Unternehmen war im letzten Quartal Iberdrola. Das hat der Stromversorger vor allem dem Kauf von Scottish Power zu verdanken. Außerdem investiert Iberdrola, ebenso wie eine Reihe anderer spanischer Energieunternehmen, massiv in den USA. Für den Infrastrukturkonzern Ferrovial hat sich das Engagement beim britischen Flughafenbetreiber BAA zwar bisher nur in Verlusten ausgezahlt, doch in der Zukunft wird die Investition Ferrovial gegen Einbußen auf dem Heimatmarkt absichern. Die zweitgrößte Bank BBVA kaufte sich in den USA ein und treibt auch den Markteinstieg in China kräftig voran.

Kurzum: In Spanien gibt es mittlerweile eine ansehnliche Reihe von Unternehmen, welche die Einnahmen aus dem Immobilien- und Konsumboom der letzten Jahre gut investiert haben. Sie stehen geografisch auf mehreren stabilen Standbeinen und haben ihre Hausaufgaben auch insofern gemacht, als sie sich in Bezug auf Effizienz und neue Technologien an die Weltspitze katapultiert haben.

Das gilt für die Blue Chips, zunehmend aber auch für die großen Mittelständler. Zwar machten die rund 100 Unternehmen an der spanischen Börse, die nicht zum illustren Ibex gehören, im ersten Quartal 54 Prozent weniger Gewinn als im Vorjahr. Doch dafür war fast ausschließlich eine Hand voll Unternehmen aus dem Immobiliensektor verantwortlich. Rechnet man die Immobilienfirmen heraus, konnten die restlichen börsennotierten Mittelständler ihren Gewinn um knapp 16 Prozent steigern. Dabei handelt es sich um die Crème de la Crème der spanischen Unternehmen.

Das Gros der Arbeitsplätze und auch der Wirtschaftsleistung schaffen noch immer wenig produktive und ineffiziente Kleinstbetriebe. Doch die Entwicklung der Großen in relativ kurzer Zeit lässt hoffen, dass auch viele der übrigen Unternehmen den herben Konjunktureinbruch zum Anlass nehmen, überkommene Managementstrukturen abzulegen, in Effizienzsteigerung und Produktivitätswachstum zu investieren und neue Märkte zu erschließen.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin

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