Spanien
Kühle Brise

In Madrid ging gestern ein deutliches Aufatmen durch die Büros und Wohnungen, als die Europäische Zentralbank auf eine Zinserhöhung verzichtete.
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Denn der starke Zinsanstieg der letzten Wochen wirkt sich in Spanien wegen der hohen und größtenteils variabel verzinsten Verschuldung der Familien stärker aus als in allen anderen europäischen Ländern. Ein zu hohes Zinsniveau könnte dafür sorgen, dass aus der bisher sichtbaren Konjunkturabkühlung der spanischen Wirtschaft eine harte Landung wird.

Die internationale Finanzkrise trifft in Spanien auf eine Wirtschaft, die sich gerade erneuert und das relativ ungezügelte Wachstum der letzten zehn Jahre durch ein nachhaltigeres Modell ersetzt: weg von der einseitigen Ausrichtung auf Immobilien und Konsum, hin zu einer Stärkung von Industrie und Export.

Spanische Unternehmen haben in den letzten zehn Jahren hart gearbeitet, und die Früchte dieser Anstrengung werden nun sichtbar. Produkte werden gut vermarktet, die Internationalisierung schreitet zügig voran. Die große Frage ist nun, wie stark die beiden bisherigen Hauptmotoren der Wirtschaft durch die gestiegenen Zinsen abgewürgt werden und wie schnell die restliche Wirtschaft einen Ausgleich schaffen kann.

Das schnelle Wachstum der spanischen Wirtschaft in der letzten Dekade wurde vor allem durch die rapide Talfahrt der realen Zinsen verursacht. Die neuen Möglichkeiten einer billigen Finanzierung lösten einen Immobilienboom und eine Konsumwelle aus, die mit der Einführung des Euros vor sieben Jahren noch zusätzlichen Schwung erhielten. Die negativen Folgen dieses Booms sind, dass die Haushalte mittlerweile zu den am stärksten verschuldeten in Europa gehören und die Immobilienpreise irrsinnige Höhen erreicht haben. Und das spanische Außenhandelsdefizit macht schon mehr als zwei Drittel des Defizits aller 27 EU-Länder aus. Das erklärt sich durch den hohen Konsum von Importware, aber auch dadurch, dass die Unternehmen wegen des brummenden Heimatmarktes wenig Anreiz zum Export hatten.

Das ist jetzt vorbei. Schon die graduelle Zinserhöhung der letzten zwölf Monate hat dafür gesorgt, dass der Immobiliensektor und der interne Konsum deutlich schwächeln. Das war im zweiten Quartal bereits sichtbar und dürfte sich im dritten Quartal deutlich beschleunigen.

Weil die Hypothekenkredite in Spanien zu 90 Prozent variabel verzinst sind, gehören die noch vor kurzem vergleichsweise billigen spanischen Hypotheken mittlerweile zu den teuersten in Europa, übertroffen nur noch von Großbritannien. Angesichts der stark gestiegenen Zinslast bleibt dem spanischen Mittelstand mit seinen relativ niedrigen Löhnen und Gehältern jetzt nur, seine Hypotheken- und Konsumkredite neu mit der Bank zu verhandeln und weniger zu konsumieren.

Positiv ist, dass das spanische Finanzsystem aufgrund strenger Auflagen sehr solide ist und der (noch) geringe Anteil der dubiosen Kredite gut abgesichert ist. So machen sich die Wirtschaftsstrategen in Spanien weniger Sorgen um ihre Banken als um den Konsum. Spanien ist ein Land der Hauseigentümer. Und in Bedrängnis geratene Mittelstandsfamilien kürzen zunächst einmal alle anderen Ausgaben, bevor sie ihre Hypothekenzinsen nicht bezahlen.

Schon jetzt ist sichtbar, dass die Spanier ihre Freizeit billiger gestalten, weniger essen gehen, weniger für den Urlaub ausgeben. Sollte sich diese Tendenz verstärken, würde das sehr arbeitsintensive Sektoren treffen. Ein deutliches Ansteigen der Arbeitslosigkeit aber könnte schnell eine negative Spirale in Gang setzen, die auch den Banken und Sparkassen arg zusetzen dürfte. In vielen mittelständischen Familien gilt: Beide Eltern verdienen, aber wenn nur einer davon seinen Job verliert, wird die Schuldenlast untragbar.

Diesen Schwächen steht aber auch eine Reihe von Stärken der spanischen Wirtschaft gegenüber. Die Nachfrage nach Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor ist hoch und durchaus imstande, einen großen Teil der überflüssigen Arbeitskräfte im Bau- und Immobiliensektor zu absorbieren. Hinzu kommt, dass der Staatssäckel nach der langen Boomstrecke gut gefüllt ist und der Staat einer zu schnellen Abkühlung entgegenwirken kann, was er auch schon tut. Zudem bedeutet der sinkende Konsum eine geringere Importnachfrage und damit eine heilende Wirkung auf das Außenhandelsdefizit. So scheint es derzeit wahrscheinlich, dass die internationale Finanzkrise den laufenden Anpassungsprozess der spanischen Wirtschaft sogar in positiver Weise beschleunigt.

Fazit: Der heiße Boom ist vorbei. Aber das bedeutet keinen Kälteschock. Es ist eher so, dass sich die Wirtschaft auf eine langfristig gesündere Temperatur abkühlt.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin

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