Spanien
Panik am Bau

Spaniens Wirtschaft landet unsanft auf dem Boden der Tatsachen. Das macht die jüngste Entwicklung auf dem privaten Immobilienmarkt deutlich, der in den vergangenen fünf Jahren durchschnittliche Preissteigerungen von über 150 Prozent verzeichnete. Jetzt platzt die Blase.

An der Börse, wo Immobilienwerte seit Anfang des Jahres enorm an Wert verloren haben, sind Ansätze von Panik zu erkennen. Die Regierung bemüht sich, das Ganze als eine rein auf den Aktienmarkt beschränkte „Korrektur“ darzustellen. Immobilienmärkte, Bauwirtschaft und die Volkswirtschaft im weiteren Sinne seien nicht betroffen.

Doch dieser Optimismus trägt nicht. Auch unter den vielen individuellen Investoren, die Grundstücke und Häuser zur eigenen Nutzung oder als Spekulationsobjekte gekauft haben und jetzt merken, dass der Markt dreht, herrscht Krisenstimmung. Allein in Barcelona sind die Verkäufe in diesem Jahr um 40 Prozent zurückgegangen. In vielen Ballungsgebieten wie Madrid und anderen Großstädten fallen die Preise bereits seit Anfang des Jahres. Die durchschnittliche Verkaufszeit für eine Immobilie beläuft sich bereits auf ein Jahr. Um diese Zeit zu verkürzen, bieten Verkäufer inzwischen das gesamte Mobiliar sowie eine Garage als Beigabe an.

Haben die niedrigen Leitzinsen die Spanier in den vergangenen Jahren zu übermütigem Konsum verleitet, werden sie nun durch einen steigenden Euribor gestoppt, denn die allermeisten Hypotheken sind variabel verzinst. Die Verschuldung der Privathaushalte macht bereits acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) aus. Viele Banken wie Banesto und Grupo Santander klagen schon darüber, dass die Zahlungsmoral nachlasse.

Die Bauwirtschaft hat es bislang an der Börse weniger hart erwischt. Schon seit Monaten versuchen Konzerne wie Acciona, ACS und Sacyr Vallehermoso mit aller Gewalt, ihr Geld in den Energiesektor umzuleiten, um sich gegen die lang erwartete Krise auf dem Immobilienmarkt abzusichern. Acciona stieg bei Endesa ein, ACS hat eine Beteiligung an den heimischen Versorgern Iberdrola und Unión Fenosa erworben, und Sacyr Vallehermoso ist im großen Stil bei dem in Barcelona ansässigen Mineralölkonzern Repsol YPF eingestiegen. Alle expandierten ins Ausland.

Sie versuchen, sich gegen die Krise zu wappnen. Aber viele kleinere Unternehmen wie Astroc, dessen Aktienkurs seit Anfang des Jahres um 80 Prozent gefallen ist, haben geschlafen. Sie könnten in den kommenden Monaten Pleite gehen. Insolvenzen, sinkende Zahlungsmoral und die einbrechende Baukonjunktur haben zwangsläufig einen Einfluss auf den Finanzsektor und die gesamte spanische Wirtschaft. Während die Regierung in diesem Jahr noch immer mit einem Wachstum von deutlich über drei Prozent rechnet, erwarten die internationalen Forschungsinstitute nur noch unter drei Prozent. Das ist immer noch sehr gut, aber bereits wesentlich schlechter als 2006, wo das Bruttoinlandsprodukt noch um vier Prozent zulegte.

Eine durch eine platzende Immobilienblase verursachte Konjunkturdelle ist nach zehn Boomjahren nur normal. Spanien kann sie jedoch schlechter verdauen als die USA. Die Bauwirtschaft ist einer der wichtigsten Wachstumsmotoren. Außenwirtschaftlich bleibt das Land schwach, es fuhr im vergangenen Jahr ein Handelsbilanzdefizit von 8,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein. Auch bei Produktivität und Innovation fällt Spanien trotz einiger sehr effizienter Topunternehmen wie Telefónica, Inditex und Grupo Santander insgesamt zurück. Zudem hat das Land mit die höchste Inflation in der Euro-Zone.

Gefährlich ist, dass die Bauwirtschaft an zu vielen Projekten festhält. Im vergangenen Jahr begannen landesweit Genehmigungsverfahren für 900 000 Bauvorhaben, rund 500 000 neue Häuser wurden gebaut. Das ist mehr als in Italien, Großbritannien und Frankreich zusammen. Dabei stehen bereits drei Millionen Wohnungen leer.

Ob es zu einem wirklichen Crash kommt, hängt auch entscheidend von der Entwicklung der Arbeitslosigkeit ab. Die teilweise auf 50 Jahre laufenden Hypotheken, die angesichts der steigenden Preise oft auf hundert Prozent des Kaufpreises lauten, sind in den meisten Fällen nur mit zwei Gehältern zu bedienen. Bricht eins weg oder steigen die Zinsen weiter, dann kann der Schuldendienst nicht mehr geleistet werden. Die Arbeitslosigkeit stagniert bei 8,5 Prozent, Experten rechnen jedoch mit einem Anstieg. Denn in den kommenden Monaten wird es nicht nur viele kleine Bau- und Immobilienfirmen dahinraffen, sondern auch die Abwanderung der Industrie wird weiter ihren Lauf nehmen: Das sind keine guten Aussichten für das Sonnenland.

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