Spanien
Reconquista

Spaniens Unternehmen preschen in Rekordzeit im Ausland nach vorne. Das gestern von Iberdrola bekannt gegebene Angebot für den britischen Versorger Scottish Power setzt die Serie von spanischen Zukäufen rund um den Globus fort.

Nach zehn Jahren überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums im eigenen Land sind die Unternehmen kapitalstark genug, um in großem Stil international Fuß zu fassen. Die spanischen Konzerne expandieren später als ihre europäischen Wettbewerber international. Jahrelang lief die Integration in die EU so ab, dass spanische Unternehmen von ausländischen Wettbewerbern übernommen wurden. Erst jetzt ändert sich das: Die Spanier schlagen zurück.

Es begann mit der größten spanischen Bank Santander, die vor zwei Jahren die britische Abbey National kaufte. Sie animierte damit weitere spanische Unternehmen wie den Baukonzern Ferrovial, der den Flughafendienstleister BAA übernahm, und das Telekomunternehmen Telefónica, das den Konkurrenten O2 kaufte, ebenfalls in den britischen Markt einzusteigen. Santander-Chef Emilio Botín bewies Mut und zeigte, dass grenzüberschreitende Operationen im europäischen Bankensektor möglich sind. Inzwischen ist die Abbey National für die Spanier eine wichtige Ertragsstütze. Auch Iberdrola wird mit dem Kauf von Scottish Power, sollte er erfolgreich abgeschlossen werden, den Trend zu Fusionen und Übernahmen auf dem europäischen Strommarkt weiter anheizen.

Aber die Einkaufstour spanischer Unternehmen ist auch eine Flucht nach vorne. Sie versuchen, dem Hunger ausländischer Wettbewerber, die sich die attraktiven spanischen Wachstumstreiber einverleiben wollen, zu entkommen. Dafür müssen sie schnell expandieren. Die spanische Regierung, die mit allen Mitteln, und seien es auch Verstöße gegen das EU-Recht, nationale Champions schaffen oder erhalten will, haben sie dabei auf ihrer Seite. Noch immer hofft Premier José Luis Rodríguez Zapatero, dass der größte Energiekonzern Endesa nicht in deutsche Hände fällt.

Aber die Gefahr kommt nicht nur aus dem Ausland. Einige wie die zweitgrößte spanische Bank BBVA müssen auch heimische Wettbewerber fürchten. So kursieren seit Monaten Gerüchte, dass die Santander die BBVA kaufen will, um endlich unter die Top 5 der internationalen Banken vorzudringen. Später waren auch ausländische Käufer im Gespräch. Die BBVA rüstete deswegen schnell auf, kaufte in diesem Jahr eine Bank in Texas und beteiligte sich vor wenigen Tagen an der siebtgrößten chinesischen Bank. Gleichzeitig beschloss der BBVA-Verwaltungsrat eine Erweiterung des Kapitals um drei Milliarden Euro für weitere Zukäufe in Asien.

Auch Iberdrola galt bisher als ein Objekt der Begierde, in diesem Fall des italienischen Energiekonzerns Enel. Iberdrola-Chef Sánchez Galán holte sich als Schützenhilfe gegen einen feindlichen Angriff das spanische Bauunternehmen ACS. Die Baukonzerne sind durch den seit Jahren anhaltenden Immobilienboom gestärkt. ACS hält 35 Prozent an Spaniens drittgrößtem Versorger Unión Fenosa und seit September zehn Prozent an Iberdrola. Geplant war eine Fusion beider zu Spaniens größtem Energiekonzern. Die Fusion sollte schon im September angekündigt werden, aber die Partner kamen zu keiner Einigung. Jetzt hat Sánchez Galán die britische Lösung gewählt, die ihn dem Börsenwert nach zum drittgrößten Versorger Europas macht. Er schließt nicht aus, dass er danach wieder Gespräche mit Unión Fenosa aufnehmen wird.

Die Verwaltungsratsvorsitzenden und Eigentümer spanischer Konzerne wollen die Lorbeeren ihrer jahrelangen Arbeit selber ernten, die Kontrolle behalten und die lange Zeit versäumte Internationalisierung selber durchführen. Dafür sind sie wie Iberdrola bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Mit 800 Pence je Aktie bieten die Spanier für Scottish Power ein Viertel mehr als Eon vor einem Jahr. Der Markt bestraft diese Entscheidung, aber Sánchez Galán glaubt, dass sie sich langfristig auszahlen wird. Telefónica und auch die Santander haben bereits vorgemacht, dass das Geld schnell wieder reingeholt werden kann.

Durch die Zukäufe erlangen die spanischen Unternehmen in Windeseile Spitzenpositionen in ihren jeweiligen Branchen. Telefónica ist von den europäischen Telekomkonzernen gemäß Marktwert bereits die Nummer eins, Santander nimmt unter den Banken die gleiche Position in der Euro-Zone ein, und Ferrovial ist der größte Flughafenbetreiber der Welt. Wenn die Fusion zwischen dem spanischen Konzen Abertis und dem italienischen Wettbewerber Autostrade erfolgreich abgeschlossen ist, dann wird in Barcelona demnächst auch der größte europäische Autobahnbetreiber ansässig sein. Europa sollte anfangen, Spanisch zu lernen!

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