SPD/FDP
Verflixte Rochade

Das Schachspiel hat die SPD immer geziert. Die SPD-Arbeiterschachvereine: Marksteine der Volkspartei.
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Die vertieften Mienen eines Helmut Schmidt oder Otto Schily: Foto-Legenden des Nachkriegsdeutschlands. Selbst heute haben die Sozialisten den Schachgrößen kommunistischer Länder eigene Heroen entgegenzustellen: In Frankreich zum Beispiel Dominique Strauss-Kahn, in Deutschland den kühnen Peer Steinbrück.

Nur der amtierende SPD-Chef aus der Pfalz, der kann mit dem Brett offenbar überhaupt nichts anfangen. Kurt Beck setzt seine Züge derart vor sich hin, dass die Partei am liebsten die Schachuhr anhalten würde. Mal eben die volle Flanke zur Linkspartei aufgemacht. Ach so, das funktioniert gar nicht? Ein Damenopfer vielleicht?

Um es mit Utz Claassen zu sagen, der im EnBW-Vorstand immerhin am ersten Brett saß: Ein mäßiger Schachspieler denkt taktisch drei Züge im Voraus, ein guter vielleicht fünf bis zehn. Die wirklich großen Spieler aber denken nicht in einzelnen Zügen, sondern erkennen Muster auf dem Schachbrett.

Das Muster, welches Kurt Beck hätte wahrnehmen müssen, wäre folgendes gewesen: In Hamburg kommt es aller Voraussicht nach zur ersten schwarz-grünen Landesregierung. Mein Hauptgegner, Angela Merkel, will das. Das Hanse-Bündnis soll für sie als Option im künftigen, durch die Linken erweiterten deutschen Fünfparteiensystem wirken. Was aber folgt daraus? Hier wäre der Stratege Beck gefragt gewesen. Hätte er ein paar Züge im Voraus gedacht, wäre er auf die Idee gekommen, dass es beim Zug Merkels einen eindeutigen Verlierer gibt, nämlich die FDP.

Die Liberalen hatten sich in einer für die Partei eigentlich ungewöhnlichen Nibelungentreue an die Union geklettet. Genauer gesagt: Der Partei- und Fraktionsvorsitzende Guido Westerwelle hat das getan. Eigene Ambitionen für das Außenministeramt in einer schwarz-gelben Bundesregierung 2009 mögen da eine Rolle gespielt haben.

Doch wer die wendige FDP in ihrer Nachkriegsgeschichte betrachtet, wer ihre Bündnisse in den Ländern wägt, der weiß, dass dieser Kurs Westerwelles aus den eigenen Reihen mit Argwohn begleitet wurde. Versteht sich die FDP doch als Vereinigung der zielorientierten Gestalter, nicht wie die Linkspartei als Klub der unverbindlichen Mitdiskutierer. Das Hauptziel der Liberalen heißt: regieren. Opposition ist bekanntlich Mist.

Schwarz-Grün in Hamburg, schon vor der Wahl vom dortigen CDU-Regierungschef intoniert, hat die FDP beleidigt, verwundet, verärgert. Westerwelle ist zur strategischen Wende gezwungen. Der Druck in der Partei nahm zu, Westerwelle hat noch das Votum über die Koalitionsverhandlungen an der Elbe abgewartet, dann hat er nachgegeben und sich wieder für andere Bündnisse auch auf Bundesebene offen gezeigt. Im Klartext: für eine sozialliberale Koalition oder eine Ampel mit den Grünen. Das vorauszusehen war überhaupt nicht schwierig.

Aber offenbar hat es den Hobby-Schachspieler Beck überfordert. Hätte er sich nicht in das wilde Nebengetümmel mit Andrea Ypsilanti und den Linken in Hessen gestürzt, säße er jetzt in aller Ruhe an seinem Brett, tränke einen Schluck Salbeitee zur Schmierung der Stimmbänder nach grippaler Reizung und würde dann melodisch heiter sprechen: „Lieber Guido, natürlich sind wir als Sozialdemokraten bei dir, wenn deine Duz-Freundin Angela dich in Hamburg im Stich lässt. Bis 2009 können wir noch Freunde werden.“

Und dann noch eine schnelle Rochade von Berlin nach Wiesbaden: „Lieber Guido, lass uns doch mal anfangen, das sozialliberale Pflänzchen zu gießen. Wie wäre es mit einem wunderschönen Land, das vor meiner rheinland-pfälzischen Haustür liegt, nämlich mit Hessen? Die Grünen nehmen wir dann auch noch gleich dazu.“

Warum Beck, der selber in Mainz mit den Liberalen 15 Jahre regiert hat, nicht auf diese Hamburg-FDP-Zugvariante gekommen ist, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht versucht er es ja noch einmal. Aber die Eröffnung eines sozialliberalen Gambits hat der Parteivorsitzende auf dem Schachbrett verpennt. Vielleicht wird das Mittelspiel ja auch schon von einem anderen Parteichef gestaltet. Frank-Walter Steinmeier ist zuzutrauen, einige Züge im Voraus zu denken.

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