SPD
Koch und Kellner

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In der Hall of Fame politischer Gemeinheiten prangt Gerhard Schröders Spruch, der liebe Joschka Fischer solle sich bitte klarmachen, dass in einer rot-grünen Koalition die SPD der Koch sei und die Grünen der Kellner seien. Das war böse, aber klar. Viele Leute denken, nach dem Rücktritt von Franz Müntefering müssten nun auch Kurt Beck als SPD-Vorsitzender und Frank-Walter Steinmeier als künftiger Vormann der SPD in der Regierung klären, wer kocht oder wer aufträgt.

Doch die Metapher vom Koch oder Kellner taugt gerade nicht für die beiden. Beck und Steinmeier müssen beide beides sein, wollen sie etwas hinbekommen, was Beck und Müntefering nie geschafft haben: eine politische Zugewinngemeinschaft auf Zeit, an deren Ende auch noch die Entscheidung über den Kanzlerkandidaten der SPD für 2009 – oder früher – steht.

Es geht um viel mehr als nur um die Frage, wie der künftige Vizekanzler sein Amt des Auswärtigen umbaut, um demnächst die Arbeit der sozialdemokratischen Minister koordinieren zu können. Dies bewegt die Medien in Berlin. Schon bei der Gründung der Großen Koalition, als Franz Müntefering Vizekanzler wurde, schwadronierten die politischen Büchsenspanner viel über ein Vizekanzleramt, das da im Arbeitsministerium entstehe. In Wahrheit war Münteferings Persönlichkeit viel wichtiger als die Anzahl der Planstellen, die er in seine Koordinierungseinheit setzte. Mit seinem unabgesprochenen Vorstoß für die Rente mit 67 hat er politische Fakten geschaffen wie niemand sonst in dieser Koalition.

Bei Beck und Steinmeier geht es auch nicht zuvorderst um die Abstimmung von Partei und Ministerien, sondern um ein Gleichgewicht der Persönlichkeiten. Sowohl der Parteivorsitzende als auch der Außenminister sind ehrgeiziger, als es den Anschein hat, bei Beck kommen noch Ehrpusseligkeit und Dünnhäutigkeit hinzu.

Mit Müntefering hat er nie eine vernünftige Arbeitsbeziehung erreicht. Beide schleppten eine zu lange Vorgeschichte mit sich herum, die vor allem dem verschlossenen Müntefering das Gefühl gab, sich nicht auf Beck verlassen zu können. Und gleichzeitig ist das Ego von Müntefering zu stark, als dass er sich mal eben dem Mainzer, seinem Nach-Nachfolger im Parteivorsitz, untergeordnet hätte, um ihm das Geschäft zu erleichtern.

Zwischen Beck und Steinmeier gibt es diesen Prolog der Verletzungen nicht, aber dafür ein anderes Problem: Beide könnten den Kanzlerkandidaten geben, und solange die Entscheidung offen ist, muss in der Öffentlichkeit auch deutlich werden, dass beide das Zeug dazu haben. Dafür muss Beck seinem Parteivize genügend Raum lassen, sich zu profilieren, ohne permanent die Angst zu haben, Steinmeier könne ihn irgendwann in die Ecke drängen. Gleichzeitig muss Steinmeier überzeugt sein, dass er mehr ist als der Ausputzer von Beck, dem die Kandidatur nur zufällt, wenn sie ohnehin aussichtslos ist.

Manchen SPD-Strategen schwebt das Remake eines Klassikers vor, der in den späten neunziger Jahren Kultstatus hatte: der kontrollierte Wettstreit zwischen Oskar Lafontaine, damals SPD-Vorsitzender, und Gerhard Schröder, damals um die Wiederwahl kämpfender Ministerpräsident in Niedersachsen, um die Kanzlerkandidatur. Aus der Not der Rivalität machte die SPD eine Tugend und hielt die Medien monatelang mit dem offenen Rennen in Atem. Die CDU fand daneben praktisch nicht mehr statt.

Die Chance dafür, dass sich dies wiederholen lässt, ist allerdings gering. Die Personen passen nicht zu den Rollen, die da besetzt werden sollen. Steinmeier ist nicht der Typ Schröder, der alles geben würde, um Kanzler zu werden. Er nimmt Aufgaben an, die ihm aufgetragen werden, und erledigt sie solide. Und Beck ist nicht ein zwischen Genie und Wahnsinn changierender Machtmensch wie Lafontaine, der den eigenen Laden in drakonischer Zucht hielt und den politischen Gegner zur Verzweiflung trieb.

Das Drehbuch muss also angepasst werden. Nun gibt es zwar von Klassikern wie den „Sieben Samurai“ erfolgreiche Nachahmer-Versionen. Beck und Steinmeier, das kommt erschwerend hinzu, sind aber keine fertigen Erfolgsdarsteller. Bei Steinmeier ist schon wieder in Vergessenheit geraten, dass er ein geschickter Innen- und Reformpolitiker war – die Agenda 2010 hat er gestaltet –, ehe er ins Außenamt kam. Und bestimmte darstellerische Fähigkeiten sind noch nicht sehr ausgeprägt: Wir wissen seit dem Einspielen eines Lieds mit Frankreichs Außenminister, dass er singen kann („Deutschland, Deutschlaaand“), aber mit dem Reden hapert es noch etwas. Beck seinerseits hat noch kein großes strategisches Geschick bewiesen. Aber vielleicht entspannt es ja die Lage, dass keiner der beiden Aspiranten der geborene Koch ist.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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