SPD
Kommentar: Metzgers Moral

Wer ist eigentlich die Abweichlerin in Hessens SPD? Die Abgeordnete Metzger oder die machthungrige Landesspitze?
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Eines fernen Tages werden Hessens Sozialdemokraten ihrer Landtagsabgeordneten Dagmar Metzger vielleicht dankbar sein. Wenn das aberwitzige Wahlkampffieber gesunken und der kollektive Machtrausch einem nüchternen Geisteszustand gewichen ist, dann könnten die Genossen begreifen, dass dieser starrköpfige Parlamentsneuling sie davor bewahrt hat, den letzten Rest an Glaubwürdigkeit zu verspielen.

„Die Zeit ist reif für eine neue Politik“, hatten die Sozialdemokraten im Wahlkampf plakatiert. Gegen die fragwürdigen Methoden von Ministerpräsident Koch, der ausländerfeindliche Ressentiments bediente, wollten sie neue „Wertmaßstäbe“ von „Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität“ setzen. Sechs Wochen später klingen diese hehren Ideale nur noch hohl. Ohne Skrupel wollten Spitzenkandidatin Ypsilanti und ihre Einflüsterer nicht nur das Versprechen brechen, niemals mit der Linkspartei zu paktieren. Sie haben einen Psychodruck auf Metzger aufgebaut, der Koch beinahe wie einen Chorknaben aussehen lässt.

Natürlich muss eine Fraktion handlungsfähig sein und kann sich nicht von Querulanten erpressen lassen. Aber dass eine frei gewählte Abgeordnete zur Abgabe ihres Mandats genötigt werden soll, durch einen Parteiratsbeschluss geächtet und mit dem Parteiausschluss bedroht wird, weil sie das einfordert, was die gesamte Partei zwei Monate zuvor hoch und heilig versprochen hat – ein derart krasser Fall von politischer Verlogenheit dürfte beispiellos sein.

Mit ihrer mutigen Gradlinigkeit beschämt die Novizin Metzger alle altgedienten Hasenfüße in ihrer Fraktion, die den Mund nicht aufmachen. Der kurzsichtigen Machttaktik ihrer Partei mag Metzger geschadet haben. Moralisch hat sie ihr ein wichtiges Argument gegen die Politikverdrossenheit geliefert.

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