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Spiel mit dem Feuer

Da erfreuen sich unzählige Internetnutzer daran, ihr Wissen weltweit auszutauschen, doch dann macht ein widerlicher Wurm namens „Lovsan“ deutlich, wie anfällig dieses System ist. Wer schützt uns eigentlich vor diesen Attacken?

Schöne neue Welt! Da verlassen sich Hunderte New Yorker auf Fahrstühle, die sie in die oberen Stockwerke ihrer Bürotürme befördern. Und dann sorgt ein Defekt an einer lausigen Leitung dafür, dass sie genauso wie Millionen andere Amerikaner stecken bleiben, kein Licht haben, ja nicht mal telefonieren können. Damit nicht genug: Da erfreuen sich unzählige Internetnutzer daran, ihr Wissen weltweit auszutauschen, doch dann macht ein widerlicher Wurm namens „Lovsan“ deutlich, wie anfällig dieses System ist.

„Wer schützt uns vor diesen Attacken?“ fragen sich nicht nur diejenigen, die diesmal im Fahrstuhl oder in den Fängen eines Software-Virus hängen geblieben sind. Wer ist verantwortlich für dieses Desaster? Die Chancen, Antworten auf diese Fragen zu erhalten, gehen gegen null. Sicher, den Wurm hat jemand in die Computerwelt gesetzt. Aber knapp 500 000 Nutzer, die ihren Laptop einschalteten, trugen zur Verbreitung bei und verwischten die Spuren der Täter. Und dass der Ausfall einer Leitung im Stromnetz zu einer Kettenreaktion mit solchen Ausmaßen führen konnte wie jetzt in den USA – wer hätte das geahnt? Wo sich jedoch scheinbar keine Schuldigen ausmachen lassen, da sinkt auch die Hoffnung auf wirkungsvolle Schutzmechanismen. Die durch die Terroranschläge der vergangenen Jahre genährte Unsicherheit steigt. Schon warnen Auguren vor der Verletzbarkeit moderner Gesellschaften. Schon erwacht das alte Misstrauen gegen die Verlässlichkeit menschlicher Konstruktionen und Erfindungen. Angst breitet sich aus vor jener Hybris, wie sie in Religionen und Mythen stets bestraft wird. Seitdem der Mensch mit dem Feuer spielt, verbrennt er sich daran.

Doch Angst ist kein guter Ratgeber. Den Wurm im Netzwerk haben Hacker erdacht, die dem Computer-Riesen Microsoft eins auswischen wollten. Microsoft hat die Herausforderung angenommen, und der Virus konnte weniger Schaden anrichten als befürchtet. Den Blackout in den USA haben diejenigen zu verantworten, die jahrzehntelang nicht in die Modernisierung ihres maroden Stromnetzes investiert haben. Jeder Fehler, der in einem System zu Tage tritt, enthält die Lösung, wie er künftig zu vermeiden ist. Das schützt nicht vor neuen Fehlern. Aber es gibt das beruhigende Gefühl, dass nicht nur die Unsicherheit, sondern auch die Sicherheit zunimmt.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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