Sprache: Korrekte Monster

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Korrekte Monster

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Wer sich häufig auf Bahnhöfen aufhält, dem fallen dort Hinweise für „Reisende mit Mobilitätseinschränkungen“ auf. Wer sich für Menschen interessiert, die aus der Türkei stammen, der sollte sich auf Leute „mit Migrationshintergrund“ einstellen. Daneben gibt es in Deutschland die Gruppe der „Sinti und Roma“ und in den USA die „Afro-Amerikaner“.

Politisch korrekter Sprachgebrauch ist also weit verbreitet. Dabei zeigt sich, dass manchmal ein Begriff auf den anderen folgt, weil jedes neue Wort nach einiger Zeit auch schon negativ diskriminierend wirkt und daher ausgetauscht werden muss. Und häufig werden die Begriffe mit jeder Runde komplizierter, bis man schließlich bei verbalen Monstern landet, mit denen man niemandem einen Gefallen tut.

Aus „Gastarbeitern“, was früher einmal freundlich gemeint war, wurden „ausländische Arbeitnehmer“. Dieser Schritt zur Verkomplizierung war noch logisch, denn er trug der – von manchen Leuten bis heute nicht wirklich akzeptierten – Tatsache Rechnung, dass diese Leute nicht „zu Gast“ sind, sondern hier leben und arbeiten.

Nachdem viele dieser „Ausländer“ hier heimisch wurden, Kinder und Enkel bekamen, zum Teil auch die deutsche Staatsangehörigkeit übernahmen, ist eine neue Bezeichnung fällig geworden. Logisch wäre es gewesen, jetzt von „Einwanderern“ zu sprechen – so wie es zum Beispiel in den USA deutsche Einwanderer gibt. Sehr häufig wird aber das sehr nach Soziologie klingende Wort „Migranten“ gebraucht, was eigentlich gar nichts anderes heißt als „Einwanderer“. Und die Kinder oder Enkel aus Einwandererfamilien sind die Leute „mit Migrationshintergrund“.

Die Folge ist fatal: Weil der Begriff so hochgestochen klingt, bürgerte er sich nur in der Sphäre der politischen Korrektheit ein. In der Alltagssprache bleiben die Leute dagegen „Ausländer“, egal, ob sie einen deutschen Pass haben, besser Deutsch oder Türkisch sprechen oder überhaupt noch engere Verbindungen in die Heimat ihrer Eltern oder Großeltern haben. Eine große Zahl der Deutschen (hoffentlich nicht die „schweigende Mehrheit“, auf die sich Populisten wie Roland Koch gerne berufen) hat daher bis heute nicht begriffen, dass die „Ausländer“ längst Inländer sind und dass Deutschland seit langem ein Einwanderungsland ist. Nur so ist ja verständlich, dass Politiker straffällige Jugendliche in Länder ausweisen wollen, in denen die noch nie gewesen sind. So als würde etwa Brasilien einen straffälligen Jugendlichen aus einer deutschen Einwandererfamilie, der kein Wort Deutsch spricht und nie in Deutschland war, einfach in ein Flugzeug nach Frankfurt/Main setzen.

Vor einigen Jahrzehnten war es auch noch völlig unverfänglich, das Wort „Neger“ zu verwenden. Danach wurden „Schwarze“ daraus – das ist die Übersetzung von „Neger“. Doch in den USA war „Black People“ – obwohl sie sich zum Teil selbst so nennen – bald auch wieder politisch unkorrekt. Seitdem gibt es den „Afro-Amerikaner“. Die meisten dieser Leute dürften aber eine längere Familiengeschichte in Amerika haben als viele „Euro-Amerikaner“. Auch fragt sich, ob es von Vorteil ist, permanent mit einem sehr problematischen Kontinent in Verbindung gebracht zu werden, mit dem man so gut wie nichts mehr zu tun hat. In Europa ist zum Glück noch niemand auf die Idee gekommen, den „Afro-Europäer“ zu erfinden. Aber eine gewisse Scheu, von „Schwarzen“ zu sprechen, zeigt sich auch bei uns hin und wieder. Sie kann dazu führen, dass diese Leute als „Afrikaner“ bezeichnet werden. Dabei leben in Afrika seit Jahrtausenden Menschen mit allen möglichen Hautfarben.

Die Liste der Beispiele ließe sich verlängern. „Behindert“ etwa war bis vor kurzem ein völlig korrekter Begriff. Seit in der Jugendsprache ein Schimpfwort daraus wurde, ändert sich das – daher das Monstrum „mobilitätseingeschränkt“. „Zigeuner“ gilt vor dem Hintergrund der Pogrome im „Dritten Reich“ als belasteter Begriff. „Sinti und Roma“ ist allerdings ein sperriger Ersatz. Denn wer redet schon von „Sinti-und-Roma-Musik“ oder erzählt zu Hause, er habe in der Stadt auf einem Parkplatz „Sinti- oder Roma-Wohnwagen“ gesehen? Es gibt Leute, die kein Problem damit haben, „Zigeuner“ genannt zu werden, wenn es nicht abfällig gemeint ist. Und ganz dürfte der Ausdruck auch nicht verschwinden, solange es keinen handlichen Ersatz gibt.

Es ist nun leicht, sich über politische Korrektheit lustig zu machen. Die Witze machen allerdings oft die falschen Leute. Die politische Korrektheit ist aber auch zweischneidig: Sie überspielt Probleme, die gelöst werden müssten, und kann die Gruppen, die sie schützen will, gerade der Lächerlichkeit preisgeben. Wir sollten deswegen bei akzeptablen, aber auch brauchbaren Begriffen wie „Einwanderer“, „Schwarze“ und „Behinderte“ bleiben. Und durch gute Politik und im täglichen Umgang statt durch neue Wortmonster deutlich machen, dass wir niemanden als Außenseiter behandeln.

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