Springer und Pin
Kommentar: Ein teurer Irrtum

  • 0

Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Dieser Spruch passt in diesen Tagen besonders gut auf das Desaster um den Postanbieter Pin Group der Zeitungsverleger. Nun ist es offenbar amtlich. Mehrheitsgesellschafter Axel Springer zieht sich aus dem Briefgeschäft zurück und schreibt sein Pin-Engagement in Höhe von sage und schreibe 620 Millionen Euro ab. Das dürfte den Konzerngewinn von zuletzt knapp 300 Millionen Euro wohl deutlich drücken, trotz der Sondererlöse aus dem Verkauf der Pro-Sieben-Sat1-Aktien. Pin aber dürfte mit dem Ausstieg des Geldgebers und Großinvestors wohl Insolvenz anmelden.

Der bekannte Düsseldorfer Rechtsanwalt und Insolvenzfachmann Horst Piepenburg hat bereits den Vorstandsvorsitz der Pin übernommen und löst damit Günter Thiel ab, der nach dem Scheitern der Übernahmeverhandlungen mit Springer zurückgetreten war. Denn andere Geldgeber für Pin sind weit und breit nicht zu sehen. Und auch Günter Thiel will wohl die Fortführung der Pin Group nicht aus seinem - nicht ganz unbeträchlichen Vermögen - finanzieren.

Zur Erinnerung: Wie auch die Gesellschafter WAZ-Gruppe und Verlagsgruppe Holtzbrinck, zu der auch das Handelsblatt gehört, hatte er im Sommer jeweils rund 15 Prozent der Anteile für einen dreistelligen Millionenbetrag - wie man hört - an Springer verkauft. Springer-Chef Mathias Döpfner war noch im Sommer die Übernahme der Mehrheit an Pin 510 Millionen Euro wert. Der große Konkurrent Deutsche Post höhnte damals: „Wir freuen uns, dass Springer im Briefgeschäft eine so große Zukunft sieht.“

Wie Springer jetzt mitteilte, beträgt der Finanzbedarf der Pin selbst bei optimistischen Annahmen zur Umsatzentwicklung im besten Fall 300 Millionen Euro und in anderen Szenarien bis zu 700 Millionen Euro in den nächsten Jahren. Dafür ist kein tragfähiges Finanzierungskonzept in Sicht. Springer ist auch nicht bereit, die Lasten allein zu tragen. Alle anderen Gesellschaften WAZ, Holtzbrinck, Madsack, Rheinische Post und DuMont waren nach Springer-Angaben, mit Ausnahme von Thiels Beteiligungsfirma Rosalia, offenbar nicht bereit, neues Geld in die Pin zu stecken. Springer war sogar willens, die Anteile an der Pin für einen symbolischen Euro abzugeben und weitgehend auf Forderungen zu verzichten.

Die wirtschaftlichen Perspektiven der Pin sind für Springer schlicht inakzeptabel. Überraschend nur, wie schnell Springer das dann doch gemerkt hat. Noch nicht einmal ein halbes Jahr liegt zwischen dem Sinneswandel. Und auch die Diskussion über den Mindestlohn war im Sommer schon munter im Gange, und die Post hatte auch schon Preissenkungen angekündigt. Zumindest musste Döpfner ahnen, dass es sich bei der Pin um ein sehr riskantes Investment handelt. In der Medienbranche wird bereits vermutet, dass Springer wohl nicht in die Bücher der Pin Group geguckt hat.

Wie schlecht es um die Pin als Gruppe zusammengekaufter Regionalzustelldienste zumeist aus dem Besitz der Zeitungsverlage steht, wurde wohl erst klar, als Springer eigene Leute in die Luxemburger Holding der Pin schickte. Doch da war die Tinte unter den Kaufverträgen schon trocken. Denn auch so könnte sich der nun doch sehr schnelle Abschied von Springer aus dem Abenteuer Briefgeschäft erklären lassen. Hoffentlich kommt der Medienkonzern, beziehungsweise sein Chef, dabei allein mit einem blauen Auge davon.

Kommentare zu " Springer und Pin: Kommentar: Ein teurer Irrtum"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%