Staatsanleihen
Unruhiges Wetter

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Die Kurse der als langweilig und sicher geltenden Staatsanleihen der Industrienationen schlagen seit dem Frühjahr mehr Kapriolen als das Wetter. Nachdem von Mai bis Mitte Juni schwere Stürme am Rentenmarkt aufzogen und zum größten Ausverkauf seit drei Jahren führten, hat sich die Großwetterlage zunächst einmal beruhigt. Investoren besinnen sich wieder auf die Vorteile der Staatsanleihen. Hoffnungen auf einen neuen Jahrhundertsommer, sprich steigende Kurse und fallende Renditen, sind indes fehl am Platz.

Ursache für das zuletzt wieder registrierte Absinken der Renditen von Staatspapieren ist der Rückenwind, der von der so genannten Subprime-Krise in den USA ausgeht. Die Sorge um steigende Ausfälle bei den bonitätsschwächsten privaten Hypothekenschuldnern, den Subprime-Kunden, wächst. Sie schürt Ängste, dass die Krise auf die gesamte US-Wirtschaft übergreift. Denn die Banken haben die wackligen Kredite über Derivate in kompliziert strukturierte handelbare Anleihen umverpackt und weiterverkauft. Zwei Hedge-Fonds der US-Investmentbank Bear Stearns sind mit Spekulationen auf diese Derivate bereits gescheitert. Die großen Ratingagenturen haben die Bonitätsnoten für zahlreiche Wertpapiere mit den umverpackten Krediten herabgestuft. Wer diese Wertpapiere hält, weiß niemand; daher ist die Unsicherheit groß.

Genau diese Unsicherheit lässt Anleger jetzt wieder zu den einfach gestrickten Staatsanleihen bester Bonität greifen, bei denen das Ausfallrisiko gleich null ist. Im Gegenzug ist die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe – sie gilt als Maßstab für die Entwicklung der langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum – seit Mitte Juni um immerhin 0,3 Prozentpunkte auf gut 4,4 Prozent gesunken. In den USA fiel die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen noch etwas deutlicher und liegt wieder unter fünf Prozent.

Diese jüngsten Renditerückgänge und die oft zitierte Flucht in die Qualität sind aber nicht so spektakulär, wenn man bedenkt, dass die zehnjährigen Renditen in Euro-Land und den USA von Mai bis Mitte Juni um 0,6 beziehungsweise um 0,7 Prozentpunkte auf die höchsten Stände seit dem Jahr 2002 nach oben geschnellt waren.

Gegenwind verspürten die Rentenmärkte damals von neuen, unerwartet positiven Anzeichen für die US-Konjunktur, die sichere Staatsanleihen unattraktiv machten. Im Frühjahr zog die US-Produktion an, und der breite US-Immobilienmarkt erholte sich etwas. Und das, obwohl die Subprime-Krise schon seit Anfang des Jahres in ihren Grundzügen bekannt war. Nach den guten Daten verpufften aber zuvor aufgekommene Hoffnungen, dass die amerikanische Notenbank die Zinszügel lockert. Von Juni 2004 bis Juni 2006 hatten die US-Währungshüter die Leitzinsen in 17 Schritten auf 5,25 Prozent erhöht.

Dass die Investoren am Rentenmarkt aber auch jetzt, nach dem neuerlichen Hochkochen der Subprime-Krise, nicht auf Zinssenkungen setzen sollten, liegt auf der Hand. So hat die US-Notenbank Fed zwar zuletzt auf Grund der allgemeinen Schwäche des amerikanischen Immobilienmarktes die Wachstumsprognose für die US-Wirtschaft leicht auf 2,25 bis 2,5 Prozent gesenkt. Gleichzeitig betonte Fed-Chef Ben Bernanke aber, dass die Inflationsrisiken unverändert seien. Zudem bezeichnete er den Zusammenbruch einiger Hedge-Fonds als angemessene Selbstreinigungsmaßnahme in einem freien Markt.

Auch von der Europäischen Zentralbank (EZB) ist kein Rückenwind für die Rentenmärkte zu erwarten. Die nächste Leitzinserhöhung auf 4,25 Prozent im Herbst – die neunte seit Dezember 2005 – gilt als ausgemacht. Auch danach ist angesichts der noch robusten Konjunktur im Euro-Raum eine weitere Erhöhung gut möglich. Diese dürfte einen neuen Renditeanstieg der zehnjährigen Bundesanleihe zur Folge haben.

Böse Herbststürme mit deutlich anziehenden langfristigen Kapitalmarktzinsen sind aber trotzdem nicht zu erwarten. Dafür sind die Märkte angesichts der unsicheren Lage am Subprime-Markt doch noch zu nervös. Für die Wirtschaft sind die Signale von der Anleihefront recht gut. Aus Investorensicht sind die aktuellen Renditen immerhin attraktiver als noch vor knapp zwei Jahren: Damals warf die zehnjährige Bundesanleihe nur drei Prozent Rendite ab und damit so wenig wie nie zuvor. Auf der anderen Seite sind die Langfristzinsen im historischen Vergleich immer noch niedrig und belasten von daher Unternehmen, die sich Geld über Anleihen besorgen, nicht über Gebühr – auch wenn die Risikoprämien für Unternehmensanleihen deutlich gestiegen sind.

Insgesamt ist das Klima am Rentenmarkt aber unbeständiger geworden. Investoren sollten sich auf stärkere Schwankungen als früher einstellen.

Andrea Cünnen
Andrea Cünnen
Handelsblatt / Finanzkorrespondentin

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