Staatsfonds
Die Asiaten kommen

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Wie haben wohl vor 300 Jahren die Völker Asiens und Amerikas die kommerzielle Tätigkeit „fremder“ Institutionen wie der East India Company empfunden? Sie existierte 274 Jahre lang, durfte Krieg führen und Frieden schließen, bestand im Herzen des britischen Empires und schuf Monopole für wichtige Rohstoffe und Handelswege.

Zu den Ergebnissen ihrer Geschäfte zählt die Boston Tea Party, die den Unabhängigkeitskrieg und die Gründung USA auslöste, zählen aber auch Ressentiments und Widerstand in Indien. Gehen wir weiter zurück, ins späte 14. Jahrhundert, geraten wir in eine Welt, die im Wesentlichen auf China ausgerichtet war, nicht eurozentrisch, wie uns oft gesagt wird. Christoph Kolumbus setzte die Segel, um Märkte und Gold in Ostasien zu finden. Vasco da Gama wollte nach Indien gelangen, und Magellan suchte eine westliche Route zu den Gewürzinseln Indonesiens. Asiens Reichtümer und Entwicklung bildeten den Historikern zufolge die Basis für Wachstum und Handel in Europa, vor allem in Genua und Venedig. Noch heute sind dort Verbindungen nach Asien und Mittelost sichtbar.

Südostasien war lange vor Christi Geburt eine der wichtigsten, reichsten und ältesten zivilisierten Regionen. Es verband China, Japan und die pazifischen Inseln und war das Tor für Chinas kommerziellen und kulturellen Einfluss. Istanbul als Herz des Ottomanenreichs lebte vom Handel zwischen Indien, Afrika und Zentralasien. Diese Regionen dominierten zwischen 1400 und 1800 die globale Wirtschaft.Europa und später die USA waren die Schwellenländer dieser Zeit. Sie profitierten von eigenen Edelmetallen und Gold aus Amerika, von ihren Entdeckern und ihrem Wissen, um eine Herausforderung für die etablierte asiatische und mittelöstliche Wirtschaftsordnung zu bilden.

Springen wir ins Jahr 2007, dann sehen wir, dass das Blatt sich gewendet hat. Im Westen wächst die Sorge wegen der Aktivitäten von Sovereign Wealth Funds (SWFs) oder Staatsfonds, die Regierungen mit finanziellen Ressourcen füttern. Als China dieses Jahr ankündigte, es werde einen solchen Fonds einrichten und drei Milliarden Dollar in Blackstone investieren, war die Aufregung groß. Mitte Juli äußerte Kanzlerin Angela Merkel Sorge über staatlich kontrollierte ausländische Investoren, und die deutsche Regierung redete über mögliche Schritte gegen sie.

Eine Woche später startete die EU-Kommission eine Untersuchung darüber, ob die SWFs den Binnenmarkt bedrohen. Ein hoher Beamter des US-Finanzministeriums warnte in einer Rede vor diesen Fonds. Und die Regierung Bush hat den Internationalen Währungsfonds gebeten, sie in Augenschein zu nehmen. Das ist eine kuriose Reaktion. Schließlich haben all diese Länder seit Jahrhunderten in Schlüsselsektoren all der Länder investiert, die nun diesen Gefallen zurückgeben möchten. Ist der Westen nur pikiert, oder geht es darüber hinaus, läuft es auf protektionistisches Handeln hinaus, das keinen Sinn ergibt? SWFs sind keine Zentralbanken, sie sind Fonds, die stabilisieren oder künftigen Generationen dienen sollen. Stabilisierungsfonds wie die vieler ölexportierender Länder sammeln Vermögen an, um Rückgänge bei Rohstoffexporten auszugleichen. Insgesamt managen derartige Fonds rund 2,5 BillionenDollar, die Summe wächst jährlich um 15 bis 18 Prozent. Rund die Hälfte der etwa 30 SWFs befindet sich in Asien und Mittelost einschließlich Russlands, sie kontrollieren rund 80 Prozent der Vermögenswerte. Die meisten dieser Fonds berichten nicht über ihre Aktivitäten, Norwegen bildet eine Ausnahme. Einige Erfahrungen sprechen dafür, dass sie langfristig und vorsichtig investieren. Sie ziehen aktienähnliche Investitionen vor, auch direkte Beteiligungen an Unternehmen, Infrastruktur, Hedge-Fonds und Finanzinvestoren. Sie tragen dazu bei, Kapital in Länder zu schaffen, die es zum Ausgleich der Zahlungsbilanz (Beispiel USA) oder anderwärtig brauchen.

Weshalb also die Aufregung? Es geht vor allem um mangelnde Transparenz, wie der Westen es empfindet. Wenn wir nicht wissen, was sie tun, könnten sie unkontrollierbare Risiken eingehen. Das hat uns Westler nicht daran gehindert, unsere Finanzmärkte zu deregulieren und genau die Risiken in den globalen Kreditmärkten zu schaffen, die nun dank der kürzlichen „Subprime“-Ereignisse deutlich geworden sind.

Werden die Fonds nicht am Ende den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr in unseren Volkswirtschaften stören? Und wie wissen wir, ob sie nicht in strategischen Branchen wie Banken, Luftfahrt, Rüstung, Atomtechnik und so weiter investieren? Wir können darüber endlos diskutieren – und es gibt wohl gute Gründe dafür, dass Kapitalmärkte, besonders grenzüberschreitende Transaktionen, in einer globalisierten Welt offen und transparent sein sollten. Zumindest sollten Restriktionen, wenn es sie gibt, offen und international vereinbart sein.

Aber geht es bei der ganzen Aufregung am Ende nicht nur um Protektionismus in einem anderen Gewand? Hier wird die unterschwellige Furcht angesprochen, dass die wirtschaftliche und finanzielle Macht des Westens schwindet. Sicher trifft das auf unsere Beziehungen zu Asien, Russland und Mittelost zu. Wir leben nun einmal in einer Welt, die von einer Machtverschiebung gen Osten und von Energieknappheit gekennzeichnet ist.

Da wir diese Phänomene nicht ändern können und Massenproteste wie die der frühen Amerikaner und Inder gegen die East India Company nicht gutheißen, ist es sicher am besten, sich konstruktiv zu engagieren. SWFs wollen vielleicht nicht transparenter handeln – aber das kann kein Grund sein, sie zu ignorieren oder als Drohung einzustufen. Denn Protektionismus führt letztlich immer zu Verlusten.

George Magnus ist Senior Economic Advisor bei UBS.

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